Kommission will US-Vorbild nacheifern
Medienkritiker nehmen TV-Duelle der Kanzlerkandidaten ins Visier

Manchmal ist es nur die vermaledeite Farbe der Krawatte oder die schlechte Rasur, die über Wohl und Wehe eines Kandidaten im TV-Duell entscheidet.

BERLIN. Dann sind die Berater gefragt, die auf die zulässige Bartstoppellänge oder den Alarmcharakter bestimmter Tönungen bei der Krawatte oder der Haarpracht achten müssen - vorher. Nachher, wenn alles zu spät ist, sind ja alle schlauer und die Wissenschaftler ganz besonders. Dann begründen sie mit Statistiken, bunten Pfeilen und schnellen Befragungen, warum das Publikum einmal mehr rätselhaft unberechenbar war.

Die wissenschaftliche Einordnung solcher TV- Showdowns ist in den USA längst Ritual. Dort begleitet die "Commission on Presidential Debates" die Duelle. Jetzt blüht der deutschen Fernsehlandschaft gleiches: Die "Kommission zu den Kanzlerdebatten", wie fünf Wissenschaftler das US-Vorbild wissenschaftlich korrekt eingedeutscht haben, wird die ersten TV-Duelle zweier Kandidaten medienkritisch beäugen. Noch eine historische Premiere.

Jedes Mal, wenn der amtierende Champion, Gerhard Schröder (SPD), seinen Herausforderer unter die Gürtellinie knockt, werden fünf wissenschaftlich geschulte Augenpaare objektiv und anhand ausgesuchter Kriterien wie "sachlich" oder "fair" aufmerken. Und jedes Mal wenn Edmund Stoiber (CSU) in böser Absicht Schröder mit "Herr Piëch!" anmacht, schlägt das Alarmpendel der Beobachter in den roten Bereich. Wozu das? "Bei uns ist eine kritische Begleitung des Medienwahlkampfes und speziell der erstmals ausgetragenen Fernsehduelle wichtig," sehen die Wissenschaftler in einer extra zur Kommissions-Gründung verabschiedeten "Erklärung", einer Art televisionärem Manifest.

Die fünf Medien- und Politik-Profis sind: Bernd Gäbler vom Adolf Grimme Institut, Lutz Hachmeister, Jury-Vorsitzender des Deutschen Fernsehpreises, Claus Leggewie, Professor für Medien und Interaktivität in der Universität Gießen und Frau Professor Christine Landfried, Politikwissenschaftlerin der Universität Hamburg. Sie haben sich gegenseitig versichert, "absolut unabhängig" zu sein. "Wer das nicht ist, fliegt sofort raus," droht Gäbler.

Auch Roland Schatz vom Bonner Institut für Medienanalysen gehört dem Gremium an. Er hat schon über Angela Merkel und Wolfgang Schäuble geforscht. Bei den Duellen am 25. August und 8. September will er den TV-Machern und Politikern "kritisch auf die Finger" gucken und in der American Academy "sofort medienkritisch und politikwissenschaftlich" zuschlagen.

Dann verwandelt er das gerade erst erlebte Chaos fast simultan in Charts "mit sauberen Daten", wie er hervorhebt, und verblüfft das Publikum mit den exakten Prozentsätzen des tatsächlichen Anteils der Sachpolitik, der Aussagen zum Gegner und der Fairness der Fragen.

Mit der Betonung ihres kritischen Moments beugt die Kommission Missverständnissen vor: "Unsere Aktivitäten richten sich nicht gegen Fernsehsender oder konkurrierende Parteien, sondern sind kritische Anmerkungen für die Öffentlichkeit, Vorschläge für den Diskurs, Denkanstöße für alle Wähler, die nicht allein Zuschauer bleiben sollen."

Nach Wunsch der FDP soll auch Guido Westerwelle nicht nur Zuschauer bleiben. Ihr chancenloser Kanzlerkandidat will beim Verfassungsgericht seine Chancengleichheit und damit seine Duell-Teilnahme einklagen. Morgen wird er die Expertise des Parteienrechtlers Martin Morlok vorstellen, die ihm natürlich Recht gibt - wissenschaftlich sauber nämlich.

Quelle: Handelsblatt

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