Kommune setzt auf Linux-Anwendungen
Schwäbisch Hall contra Gates

Die Stadt Schwäbisch Hall wird sich vollständig von Microsoft und Windows verabschieden. Schon zu Beginn des Linux-Projekts ist man von der Idee so überzeugt, dass man sie auch anderen Gemeinden vermitteln will. Gegen Honorar, versteht sich.

HB SCHWÄBISCH HALL. Manchmal kann man etwas nur dann durchsetzen, wenn man selber mit gutem Beispiel vorangeht", sagt Hermann-Josef Pelgrim. Also hat der Oberbürgermeister der Stadt Schwäbisch Hall die neue Software als erstes auf den Rechner in seinem eigenen Büro spielen lassen, um sie auszuprobieren.

Dabei handelte es sich nicht etwa um eine neue Version von Microsoft Word, sondern um die komplette Umstellung auf das quelloffene Betriebssystem Linux und das Büropaket Open Office. Neben dem Bürgermeister sollen bis 2004 sämtliche Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit diesen Systemen arbeiten.

Der Grund für den Schritt war, wie könnte es anders sein, die finanzielle Situation der Stadt. Schwäbisch Hall hatte im vergangenen Jahr bei den Gewerbesteuereinnahmen ein Minus von 60 Millionen Euro zu verzeichnen, damit fehlten plötzlich 50 Prozent des Haushalts.

Dieses Loch wäre noch größer geworden, wenn man auf das neue Software-Lizenzsystem umgestellt hätte, das Microsoft im Sommer eingeführt hatte. Und weil außerdem im Dezember sowieso der Austausch von zwei Servern anstand, nutzte man die Gelegenheit, um sich ganz von den teuren MicrosoftProgrammen zu verabschieden.

Open-Source als Alternative

Die Alternative dazu ist eine Open-Source-Architektur, die von dem Nürnberger Linux-Spezialisten SuSE geliefert wird. Im Serverbereich arbeiten bereits unzählige Unternehmen und Behörden in Deutschland mit solcher quelloffenen Software, auch die Stadt Schwäbisch Hall verwendet Linux schon seit längerem auf ihrem Web-Server. Ungewöhnlicher ist allerdings, auch sämtliche Front-Ends, das heißt die Arbeitsplätze der Mitarbeiter, mit solchen Lösungen auszurüsten. Im ersten Schritt sollen 120 PC auf Open Office umgestellt werden, am Ende werden es etwa 400 sein.

Das Einsparvolumen für die Stadt ist ein sechsstelliger Euro-Betrag. Seit Ende Februar sind neben dem OB-Büro das Ordnungsamt und das Rechnungsprüfungsamt umgestellt, weitere Behörden folgen. Größere Widerstände der Belegschaft habe es dabei nicht gegeben, so Thomas Hilbert, Pressesprecher der Stadt und persönlicher Referent des Bürgermeisters, gelegentlich aber ein "unterschwelliges Gemotze. Die technisch Versierten finden es meistens auf Anhieb klasse, die anderen haben vielleicht schon manchmal Angst". Dabei unterscheide sich die neue Anwendungssoftware für den Nutzer nicht fundamental von einer Microsoft-Lösung. "Der Wechsel von Windows 2000 zu XP wäre ein größerer Schritt gewesen", glaubt Hilbert. Und sein Chef, Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim, sagt, die Neuerungen habe er sich "an einem Wochenende draufgeschafft".

Das Büropaket Open Office enthält eine Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, ein Zeichen- und ein Präsentationsprogramm. Als Internet-Browser dient Mozilla, die Open-Source-Datenbank "MySQL" ersetzt "MS Access". "Kmail" kommt für "MS Exchange", und eine Groupware der Magdeburger Softwareschmiede "Skyrix" übernimmt die Funktionen, für die früher "MS Schedule" zuständig war.

Die von der Suse Linux AG zusammengestellte Konfiguration verdeutlicht den entscheidenden Vorteil einer Open-Source-Plattform: Jeder Anwender kann die Lösung in das Paket integrieren, die seinen Vorstellungen am nächsten kommt, niemand ist mehr wie bei Microsoft auf eine festgelegte Programmfamilie angewiesen. Hinzu kommt, dass sich die Schwäbisch Haller eine größere Stabilität und Ausfallsicherheit ihrer IT-Landschaft wünschten, und in dieser Beziehung stellen sämtliche Experten Linux-Lösungen hervorragende Noten aus.

Zwar ist die Umstellung einer gesamten Verwaltung ein großer Schritt, aber im Falle von Schwäbisch Hall soll es noch längst nicht das Ende der Software-Revolution sein. Zusammen mit Suse und dem Hardwarelieferanten IBM gründete man in Kooperation mit der lokalen Volkshochschule ein Linux-Kompetenzcenter, das zunächst die Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit allen Details der neuen Programme vertraut machen soll.

Langfristig soll aus dem Kompetenzcenter ein gewerblicher Bildungsträger werden, der sein Know-how in Sachen Linux an andere Städte verkauft. So hätte Schwäbisch Hall mit der Software-Umstellung nicht nur Geld gespart, sondern auch eine neue Einnahmequelle aufgetan.

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