"Komplexitätsprobleme"
IBM-Computer sollen sich selber helfen

Die Computerindustrie könnte an ihren eigenen Erfolgen scheitern, warnt der Forschungschef von IBM, Paul Horn. Denn für die Bedienung und Steuerung der immer schnelleren und komplexeren Rechner werde es bald an geeignetem Personal fehlen. Der Ausweg: Computer, die sich selbst helfen.

PALO ALTO. Die Computerindustrie droht wegen der eigenen Erfolge in eine "Technikfalle" zu geraten. Deshalb betätigt sich Paul Horn, Forschungschef von IBM, in jüngster Zeit immer häufiger als Mahner. Die Krise könne schneller eintreten, als viele heute dächten, sagte Horn im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die immer höhere Leistungsfähigkeit von Prozessoren und Speichern führe zu solch komplexen und damit komplizierten Programmen und Computern, dass schon bald die Fachkräfte knapp werden dürften, die für die Herstellung der Software oder die Bedienung der Rechner gebraucht werden.

"Systeme sind zunehmend schwerer zu bewältigen"

Natürlich sei es bewundernswert, dass die Industrie die Leistung der Mikroprozessoren um den Faktor 10 000, der von Computerspeichern um den Faktor 45 000 und die Geschwindigkeit der Kommunikation gar um den Faktor eine Million gesteigert habe, sagte Horn. Doch der Preis dieses enormen Fortschritts werde ebenfalls sichtbar: "Die wachsende Komplexität der Systeme ist zunehmend schwerer zu bewältigen." Bereits heute gebe es Systemprogramme, die mehrere zehn Millionen von "Lines of Code" (Zeilen in Computerprogrammen) benötigen. So seien Betriebssysteme mit 30 Millionen "Lines of Code" auf dem Markt, die von 4 000 Softwareentwicklern programmiert worden seien. Das Internet mit seinen Kommunikationsmöglichkeiten erhöhe den Grad der Komplexität um eine weitere Schicht.

Vor diesem Hintergrund, so der Forschungschef der IBM, sei bereits durch einfache Hochrechnung absehbar, wann der Bedarf an fachkundigen Mitarbeitern - sei es bei der Programmerstellung oder der Bedienung der Maschinen - nicht mehr abgedeckt werden könne. In einer Simulation auf der Grundlage heutiger Strukturen in der Informationstechnik (IT) würden in zehn Jahren theoretisch etwa 200 Millionen IT-Fachkräfte - etwa die Bevölkerung der USA - benötigt, um mit den komplexen Systemen fertig zu werden. Die derzeit durch Massenentlassungen in der Computer- und Kommunikationsindustrie kurzfristig frei werdenden Fachkräfte seien somit nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Autonomes Computing" soll die Lösung werden

Horns Antwort auf das komplexe Problem heißt "Autonomes Computing". Darunter versteht man einen Ansatz, bei dem verbundene Rechner in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Das beginnt bei einer automatischen Selbstkontrolle von Systemen und entsprechenden Handlungsschritten und endet bei der automatischen Abwehr von Viren-Attacken. Als Vorbild dient das Nervensystem des Menschen: Dieses steuert automatisch alle wichtigen Lebensfunktionen, ohne dass uns dies bewusst ist.

Das entsprechende Forschungsprojekt bei IBM heißt e-Liza. Horn nutzte die Fachkonferenz "Agenda" in Scottsdale, Arizona, um die Branche zu einer breiten Initiative anzuregen. Denn "autonomes Computing" sei kein ausschließliches Projekt der IBM. Um mit dem drohenden Komplexitätsgrad umgehen zu können, müssten vielmehr die gesamte Computer- und Kommunikationsindustrie sowie die Universitäten intensiv zusammenarbeiten.

Erneute "Zeitenwende"

Horn verglich die bevorstehende Zeitenwende mit einem Ereignis aus der Telekommunikation: im Jahr 1902 begann in den USA die Umstellung des Telefonnetzes auf automatische Verbindungsstellen. So wurde die Grundlage für unsere heute gewohnten automatischen Wählverbindungen geschaffen. Bis dahin hatte ein Heer von Telefonisten an den Schaltschränken jede Verbindung einzeln "gestöpselt".

Die technische Voraussetzung für "autonomes Computing" muss nach Ansicht Horns auf zwei Ebenen geschaffen werden: Es gelte neue Chips zu entwicklen und die Software intensiv zu verändern. Künftige Prozessoren für "autonome" Computer müssten nicht nur in der Lage sein zu rechnen, sondern auf dem Chips selbst auch mit anderen kommunizieren können. Bei der Software sei es vor allem notwendig, Anwendungsprogramme aus ihrer bisherigen Isolierung zu befreien und für einen offenen Datenaustausch fähig zu machen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%