Komplizierte Wahlzettel verlängern Wartezeiten
Endlosschlangen vor Wahllokalen

So mancher Italiener bereute am Sonntag schon fast wieder, seinen freien Sonntag für den Urnengang geopfert zu haben. "Nicht drängeln!", rief jemand in den völlig überfüllten Gängen einer zum Wahllokal umfunktionierten Schule im Norden Roms.

afp ROM. "Wo ist denn meine Warteschlange?", jammerte es aus einer anderen Ecke. Und der 60-jährige Antonio Guzzi schimpfte: "Das letzte Mal, dass ich sowas gesehen habe, war 1948, als es darum ging, ob Italien an die Kommunisten ging oder nicht." Für viele gestalteten sich die Parlaments- und Kommunalwahlen zu stundelangem Warten in der Hitze. Wer endlich an der Reihe war, musste sich dann noch mit dem Wust aus verschiedenfarbigen Wahlzetteln auseinandersetzen.

In dem Chaos bemühten sich einige als Sicherheitskräfte abgestellte Soldaten, wenigstens älteren Menschen und Behinderten den Weg in einen der fünf Räume mit den Wahlurnen zu bahnen. An die mit Graffiti besprühten Wände waren notdürftig Papierschilder mit braunen Klebestreifen befestigt, die den Wählern bei der Orientierung helfen sollten. Doch die langen Listen der Parteien, die sich um die Gunst der Wähler bewarben, vergrößerten die Verwirrung eher noch. Allein in Rom waren es 32 Gruppierungen. Was die Römer schließlich ausfüllen mussten, glich mehr einer Straßenkarte als einem Stimmzettel. Insgesamt mussten sie auf fünf verschiedenen Papieren ihr Kreuzchen machen. Gelb für den Senat, rosa und grau für das Abgeordnetenhaus, dazu kamen die Listen für die Kommunal- und Regionalwahlen.

Kein Wunder, dass manche Wähler richtig ins Schwitzen kamen: Für das Abgeordnetenhaus etwa musste auf dem rosa Papier erst der Wunschkandidat angekreuzt werden. Auf dem grauen Zettel ging es dann zwar um die Partei, die durch ein eigenes Symbol repräsentiert wurde, doch wurden nachfolgend wieder die Namen der jeweiligen Politiker aufgelistet. Für einen der Wartenden war das zuviel auf einmal: «Hier ist es zu heiß, mir reicht's, ich komme später nochmal wieder», stöhnte er. Auf nicht-italienische EU-Wähler waren die Helfer offensichtlich nicht vorbereitet. Frohgemut wollte sich eine Frau wie alle anderen ans Ausfüllen von fünf Zetteln machen, als die Aufsicht eingriff. Der eifrigen EU-Bürgerin wurden flugs drei Bögen wieder abgenommen, schließlich durfte sie nur bei den Kommunalwahlen mitstimmen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz war die Beteiligung gegen Mittag vergleichsweise hoch. Die Mittfünfzigerin Marina erklärte sich das Engagement als Ergebnis der Beschwörungen von Politikerseite, die wichtige Wahl dürfe nicht durch Enthaltungen entwertet werden. Und der Student Guido gab zu, ihn habe die «Heftigkeit des Wahlkampfes» aufgeweckt. Die entscheidende Frage, die die Wähler zu den Urnen trieb, dürfte aber gewesen sein: Geht ihr Land an den umstrittenen Medienunternehmer Silvio Berlusconi oder nicht?

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