Konferenz der London Stock Exchange soll Allianz gegen Stamp Duty schmieden
Börse fordert Ende der Aktiensteuer

Bei jedem Aktienkauf in England kassiert der Staat 0,5 Prozent des Kaufbetrags als Steuer - mehr als in jeder anderen G7-Industrienation. Wirtschaft und Finanzwelt wollen sich der Abgabe mit einer gemeinsamen Initiative unter Führung der Londoner Börse (LSE) entledigen.

LONDON. Die Londoner Börse geht in die Offensive: Auf einer Konferenz, die heute in der britischen Hauptstadt startet, bringt sie erstmals alle Gegner der Stamp Duty ("Stempelsteuer") an einen Tisch. Mitglieder der Initiative sind unter anderem die Finanzdirektoren der 100 im Index FTSE vertretenen Unternehmen. Ein Mitarbeiter des Finanzministeriums (Treasury) ist ebenfalls zu der Konferenz eingeladen - ob er tatsächlich kommt, ist indes zweifelhaft.

Jährlich nimmt der Fiskus zwischen drei und vier Milliarden Pfund durch die Steuer ein. Dabei sind bei jedem Aktienkauf 0,5 Prozent des Kaufpreises zu entrichten. Im Gegensatz zu den lautstarken Forderungen aus Industrie und Finanzwelt, die ihre Unternehmen und Kunden durch die Steuer im internationalen Wettbewerb benachteiligt sehen, gibt sich der britische Schatzkanzler Gordon Brown zugeknöpft: "Wir haben überhaupt keinen Grund, uns zum jetzigen Zeitpunkt zu diesem Thema zu äußern", sagt ein Sprecher des Finanzministeriums. Das sieht Don Cruickshank, Chairman der Börse, London Stock Exchange (LSE), jedoch gründlich anders.

Wenn es gegen die Stamp Duty geht, hält sich Cruickshank nicht lange mit diplomatischem Geplänkel auf: "Das ist eine eindeutige Benachteiligung von britischen Investoren und Unternehmen. Kaum ein anderes Land hat eine vergleichbare Steuer. Und falls doch, ist sie weitaus geringer als hier," sagte der LSE-Chairman dem Handelsblatt. Tatsächlich hat England die höchste Steuerrate auf Aktienkäufe unter den größten sieben Industrienationen der Welt (G7). Die meisten anderen Nationen haben die Steuer abgeschafft oder stark reduziert. In Frankreich erhebt der Staat zwar auch eine Steuer auf Aktienkäufe, doch diese ist mit 0,13 Prozent des Kaufpreises unter britischem Niveau. In den USA ist der Steuersatz mit 0,00125 Prozent des Kaufpreises ebenfalls erheblich niedriger. In Deutschland, Japan oder Kanada existiert sogar keine vergleichbare Steuer.

"Kursanstieg um zehn Prozent"

"Die Abschaffung der Stamp Duty würde die Investitionen auf dem englischen Markt um jährlich rund drei Milliarden Pfund erhöhen. Das würde die Konjunktur, die Produktivität der Unternehmen und den Arbeitsmarkt enorm ankurbeln", sagt Cruickshank dem Handelsblatt. Für die Aktienkurse rechnet er im Falle einer Abschaffung mit einem Anstieg um etwa zehn Prozent. Er beruft sich auf eine Studie von Oxerra, die er selbst in Auftrag gegeben hat. Vergleichbare Analysen der Bank of England oder Volterra Consulting sind etwas weniger optimistisch. Sie rechnen mit einem Anstieg um etwa drei Prozent, wenn die Steuer gestrichen wird.

Cruickshank glaubt, dass sich die Abschaffung sogar für das Finanzministerium rechnen würde: "Das sieht zunächst zwar nach einem gewaltigen Einnahmeausfall für den Staat aus, aber durch die Mehreinnahmen bei der Körperschafts- und Einkommenssteuer würde dieser Verlust mehr als wettgemacht." Die Rechnung des Finanzministeriums geht offenbar anders aus - sonst würde sie nicht eisern an der von der Finanzwelt ungeliebten Stamp Duty festhalten.

Um die Steuer zu umgehen, gewinnen Alternativen zum Aktienkauf zunehmend an Bedeutung - etwa gedeckte Optionsscheine oder spezielle Zertifikate wie ADRs (American Depository Receipts), also Hinterlegungsscheine für Aktien, die an Stelle der Aktien selbst an der Börse gehandelt werden. "Steuerlich sind solche Produkte natürlich attraktiver. Doch wann immer möglich, versucht das Finanzministerium auch auf neu entwickelte Derivate die Stamp Duty zu erheben", sagt Joachim Müller, Analyst bei der Investmentbank JP Morgan.

Die Stamp Duty ist keine neue Erfindung. Unter der Regentschaft von König William und Königin Mary führte der Krieg gegen Frankreich 1694 zu einem akuten Liquiditätsproblem des Empires. Daher erließ Ihre Majestät eine Abgabe, die auf Pergament und Papier entrichtet werden sollte. Britisch trockener Kommentar auf der Website des Finanzministeriums: "Die Maßnahme erwies sich als erfolgreich. Daher wurde sie fortgesetzt."

Cruickshank will durch die Konferenz den Druck auf das Finanzministerium erhöhen. "Irgendwann wird die Stamp Duty im Rahmen der EU-Harmonisierung sicher abgeschafft. Aber wann das sein wird, ist ungewiss", sagt JP Morgan Analyst Müller. Bisher hat Schatzkanzler Brown bei der Bekanntgabe seines Haushalts noch jedes Jahr die Hoffnungen der Londoner Börse enttäuscht.

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