Konferenzrhythmus nach Vorbild des IWF im Gespräch: Für Schwab ist Davos nicht mehr der Nabel der Welt

Konferenzrhythmus nach Vorbild des IWF im Gespräch
Für Schwab ist Davos nicht mehr der Nabel der Welt

Klaus Schwab, Präsident des Weltwirtschaftsforums, hängt an Davos. Dort zog das Forum über drei Dekaden alljährlich Politiker und Manager wie ein Magnet an. Seit dem 11. September ist alles anders. Erstmals verlegt das Forum sein Treffen nach New York. Das könnte der Anstoß für einen neuen Konferenzrhythmus sein.

GENF. Die Welt hat sich geändert nach dem 11. September 2001. Auch für das renommierte Weltwirtschaftsforum (WEF) in Genf. Dessen Präsident Klaus Schwab verlegte das Jahrestreffen unter dem Eindruck der Terroranschläge kurzerhand nach New York. Ob das Forum nächstes Jahr wieder in der Schweiz stattfinden wird, ist noch offen. "Eine Rückkehr ist nicht ausgeschlossen, zumal ich mit Davos emotional eng verbunden bin", sagt Schwab in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

Durchblicken lässt Schwab jedoch, dass New York den letzten Anstoß für einen neuen Veranstaltungsrhythmus gegeben haben könnte: "Eine mögliche, ich würde sogar sagen eine wahrscheinliche Konzeption der Zukunft ist die des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank." Die Bretton-Woods-Organisationen haben eine feste Verankerung. Zwei aufeinander folgende Jahre findet das Treffen in Washington statt, jedes dritte Jahr wird weltweit ein anderer Standort ausgewählt. "Ich könnte mir eine solche Konzeption auch für das World Economic Forum vorstellen", sagt Schwab. Die Entscheidung fällt der Stiftungsrat unmittelbar vor dem fünftägigen New Yorker Treffen. Verkündet wird sie zu dessen Ende am 4. Februar.

An alternativen Bewerbern mangelt es Schwab nicht. Dem Forum haben sich mehrere Orte als Gastgeber angedient, so Whistler Mountain in Kanada, Salzburg, wo ein speziell auf die Bedürfnisse des Forums zu geschnittenes brandneues Kongresszentrum errichtet wurde, oder Marrakesch in Marokko. Die Vorstellung, mit einem islamischen Entwicklungsland einen Kontrapunkt zu New York zu setzen, findet Schwab reizvoll.

Als Voraussetzungen für eine Rückkehr in die Schweizer Bergwelt nennt er drei Bedingungen: Sicherheit für die Teilnehmer, Gastfreundschaft und Akzeptanz durch die Mitglieder des Forums. Gut in Erinnerung ist den meisten Teilnehmern, wie sich Davos unter den Drohungen militanter Globalisierungsgegner im letzten Jahr zu einer Festung verwandelte - mit Stacheldraht, Wasserwerfern und omnipräsenten Sicherheitskräften. Auch in New York erwartet Schwab scharfe Kontrollen, will jedoch im Dialog mit der örtlichen Polizei verhindern, dass die Veranstaltung unter dem Sicherheitsaufgebot erstickt werden könnte.

Zupass käme Schwab ein neuer Rhythmus auch aus einem weiteren Grund. Das WEF steckt mitten in einer Neupositionierung. Seit zwei Jahren arbeitet Schwab daran, das Forum zu einer "Plattform für die Zusammenarbeit aller Interessengruppen der globalen Wirtschaft" auszubauen. Das WEF will sich als weltweit einzigartige Organisation positionieren, die die globalen Problemfelder systematisch aufgreift und die verschiedenen Themenkomplexe miteinander vernetzt. Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft soll damit ein Ansatz geboten werden, um die immer komplexeren globalen Fragestellungen zu durchdringen und konkrete Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. "Unsere Grundüberlegung ist, dass weder Regierungen noch Unternehmen die Herausforderungen alleine lösen können. Wir brauchen Zusammenarbeit, und diese Zusammenarbeit erfordert eine Plattform." Schwab nennt sie in unverfälschtem WEF-Slang "eine Multi-Stakeholder-Plattform".

"Geist von Davos" in New York

Diesem Ansatz soll auch die Veranstaltung in New York Rechnung tragen. Von den Teilnehmern fordert Schwab Engagement. Sie sollen sich nicht als "passive Zuhörer von Podium herab berieseln lassen", sondern in Arbeitsgruppen eine aktive Rolle spielen. So will Schwab den "Geist von Davos" nach New York transportieren. "Ich glaube, dass die Teilnehmer jetzt mehr Fragen über die Zukunft haben als je zuvor. Damit wächst die Bereitschaft, sich zu engagieren."

Stärker als in den Jahren zuvor wird das WEF-Treffen geprägt von Teilnehmern aus den USA. Zwar wird US-Präsident George W. Bush nicht auftreten. Nach offizieller Lesart, weil er nur wenige Tage zuvor seine "State-of-the-Union"-Rede halten wird. Doch Schwab hegt die Hoffnung, dass Bush im nächsten Jahr - in Davos oder andernorts - dabei sein könnte. Top-Vertreter der US-Regierung werden Außenminister Colin Powell und Finanzminister Paul O?Neill sein. Begleitet werden sie von mehren Kabinettsmitgliedern, Senatoren und etlichen Top-Managern. Mit Politikern und Unternehmensführern aus aller Welt, so auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, sollen sie sich die Köpfe über die großen globalen Problemfelder zerbrechen.

Angesichts der Präsenz fast aller Finanzminister der G-20-Länder hofft Schwab auf vertrauensbildende Einschätzungen zur Entwicklung der Weltkonjunktur. Aus New York sollen der Weltgemeinschaft aber auch neue Impulse für die Bekämpfung des Terrorismus vermittelt werden. "Wir haben eine einzigartige Chance, die internationale Zusammenarbeit neu zu definieren", umreißt Schwab ein nicht unbescheidenes Ziel. Dazu gehöre auch "der Kampf gegen die sich auftuenden Gräben materieller und geistiger Natur". Aus diesem Grund hat er wichtige Religionsführer nach New York eingeladen.

Schwabs Schlüsselbegriff für die Problembewältigung in einer interdependenten Welt ist "Networking". Entscheidungsträger und Organisationen zusammenführen, damit sie aktive Problemanalyse und-bewältigung betreiben können, ist ein Kernanliegen des umtriebigen WEF-Präsidenten. "Nur so können Individuen in die Lage versetzt werden, Probleme eingebettet in einer globalen Agenda zu betrachten," meint Schwab, der sich selbst als "Missionar" empfindet. Nur so hofft er auch seiner selbst gesteckten Verpflichtung näher zu kommen: "die Welt zu verbessern". Nach dem 11. September wird das nicht leichter.

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