Konfrontation mit dem Norden könnte Präsidentschaftswahl entscheiden
Südkorea: Nuklearkrise beherrscht den Wahlkampf

Sechs Tage vor der Präsidentschaftswahl in Korea ist das Rennen knapp wie nie zuvor. Neben innenpolitischen Themen könnten die jüngsten Provokationen Nordkoreas und die Antwort der Kandidaten darauf den Ausschlag geben. Eine harte Politik gegenüber dem Nachbarn ist aber kaum durchzusetzen.

TOKIO. Nur wenige Hundert Kilometer trennen Südkoreas Hauptstadt Seoul von Pjöngjang, der Machtzentrale des kommunistischen Nordkorea. Wenn das dortige Regime nur Wochen nach dem Eingeständnis, ein Atomwaffenprogramm betrieben zu haben, ankündigt, Nuklearanlagen zu reaktivieren, muss das im Süden für Unruhe sorgen. Denn der Konfrontationskurs des Nordens kann auch die Innenpolitik Südkoreas entscheidend beeinflussen.

In sechs Tagen wählt das Land einen neuen Präsidenten, und noch nie war das Rennen so knapp wie in diesem Jahr. Und die Angst vor oder der Zorn auf Nordkorea könnten dem konservativen Oppositionskandidaten Lee Hoi-Chan von der Grand National Party (GNP) den nötigen Auftrieb geben. Gegenkandidat Roh Moo-Hyun von der regierenden Millennium Democratic Party (MDP), der in Umfragen knapp vorne liegt, gilt als Verfechter der "Sonnenscheinpolitik" des amtierenden Präsidenten Kim Dae-Jung, der auf Entspannung im Verhältnis mit dem nördlichen Nachbarn setzt. Diese Politik sei nach der Ankündigung Pjöngjangs, seine Atomkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen, hinfällig, schreibt die Tageszeitung "Chosun Ilbo": "Die Präsidentschaftskandidaten müssen klare Pläne vorlegen können, wie sie die Nuklearkrise lösen wollen."

Die GNP machte sich auch den nordkoreanischen Frachter, der am Mittwoch mit Scud-Raketen an Bord vor dem Horn von Afrika vorläufig gestoppt worden war, für den Wahlkampf zunutze. Kandidat Roh sollte sein unverantwortliches Versprechen, die finanzielle Hilfe für Nordkorea fortzusetzen, zurückziehen, forderte ein Parteisprecher: "Jetzt, da er weiß, dass der Norden mit dem Geld von uns Nuklearwaffen und Raketen entwickelt hat."

Roh konterte, die Opposition betreibe Stimmenfang mit den Sicherheitsängsten der Wähler. Raketenexporte Nordkoreas hätten seit dem Antritt der Regierung Kims abgenommen. Doch auch die Regierungspartei sucht noch eine Antwort auf die Nuklearbedrohung aus dem Norden. Wenn Nordkorea sein Nuklearwaffenprogramm nicht fallen lasse, müsse man darüber nachdenken, mit südkoreanischem Geld finanzierte Hilfsprojekte im Norden einzustellen, heißt es, in einer gestern von der MDP und der Partei des ehemaligen Gegenkandidaten Chung Mong-Joon unterzeichneten Vereinbarung.

Lee und Roh werden sich noch mindestens einmal vor den Fernsehkameras begegnen, bevor die knapp 35 Millionen Wahlberechtigten am Donnerstag an den Urnen über ihren neuen Präsidenten entscheiden. Ein großer Teil der Wähler scheint noch immer unentschieden zu sein. Das Gefecht zwischen einem nord- und einem südkoreanischen Schiff Ende Juni im Gelben Meer mit Toten auf beiden Seiten hatte Lee zwar Auftrieb gegeben. Aber viereinhalb Monate sind in Südkorea eine Ewigkeit, wenn sie vor einer Wahl liegen. Und außerdem bestimmt noch ein ganz anderes Ressentiment den Wahlkampf: das gegen die USA.

Im November waren zwei in Korea stationierte US-Soldaten, die zwei koreanische Schulmädchen überfahren hatten, vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Seitdem wächst die Kritik an der Stationierung der rund 37 000 US-Soldaten. Dies spielt Roh in die Hände, der Amerika kritischer gegenübersteht als sein Kontrahent und der auf die Stimmen der jüngeren Generation zählt.

Letztlich, meint Politikprofessor Moon Chung-Il von der Yonsei-Universität, könne auch Lee als Präsident nicht viel an der derzeitigen Nordkorea-Politik des Südens ändern. "Eine wirklich harte Politik gegenüber Nordkorea würde die Bevölkerung als Unterstützung der US-Politik ansehen." Diese Position, so Moon, könne er im derzeitigen Klima aber gar nicht durchsetzen.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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