Kongo
Die Nacht des Massakers

Obwohl sich die Uno-Mission im Kongo um Ruhe bemüht, geht das Morden weiter

Bunia. Es war die Nacht vom 20. auf den 21. Juni, als sich das kleine Dorf Katoto im Nordosten des Kongos in die Hölle auf Erden verwandelte. Am Abend war die Sonne noch friedlich über der unbeschreiblich schönen Landschaft mit ihren grünen Hügeln, den Blumen und prächtigen Mango- und Avokadobäumen untergegangen. Um vier Uhr nachts aber schreckte ein Schuss die Dorfbewohner aus dem Schlaf. Als die Bauern erkannten, dass eine Gruppe von Männern auf sie zurannte, wussten sie sofort, dass ihnen nichts bleiben würde, als um ihr Leben zu rennen. "Nichts konnten wir mitnehmen, außer die Kleider auf dem Leib", sagt Jean-Marie Ngajole, ein hagerer, fünfzigjähriger Bauer. Ein schmutziges weißes Hemd, eine zerrissene beige Hose und eine grüne Baseball-Kappe sind alles, was ihm geblieben ist.

Abgefeuert hatten den Schuss bewaffnete Banditen des Lendu-Stammes, der in dieser Region die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Die Lendu - bekannt für ihre Brutalität und gelegentlichen Kannibalismus - waren über einen Berg östlich des Dorfes gekommen und hatten den Startschuss für ihren Angriff direkt in das provisorische Lager der "Union kongolesischer Patrioten" (UPC) geschossen. In der UPC haben die Hema das Sagen, die in der kongolesischen Bevölkerung zur Minderheit gehören. Der Schuss tötete den UPC-Kommandanten. Zurückschießen war aussichtslos - dazu hatten die Hema nicht genug Munition.

Die Lendu-Kämpfer marschierten in das Dorf, während die Hema panisch die Flucht ergriffen. Viele rannten zum Fluss Whe ganz in der Nähe, wo sie allerdings schon von weiteren Kämpfern empfangen wurden. Mit Macheten, Messern und Speeren metzelten die Lendus die Dorfbewohner nieder. Am Fluss, im Dorf, überall. Am Tag nach dem Blutbad traute sich einer der wenigen Überlebenden, der Bauer Ngajole, vorsichtig zurück ins Dorf. Die Häuser waren verbrannt, einige Kühe gestohlen. Zurückgelassen hatten die Lendu die Überreste einiger Ziegen, die sie geschlachtet hatten, als sie nach dem Abschlachten der Dorfbevölkerung Appetit bekommen hatten.

Inzwischen ist Ngajole bei Verwandten in Bunia untergekommen, der Hauptstadt der Provinz Ituri 24 Kilometer südlich seines Dorfes und Zentrale für den Friedenseinsatz der Uno. Blauhelme hatte Ngajole bis dahin noch nie gesehen, obwohl schon seit Mai 700 uruguayische Soldaten in Bunia stationiert sind. Und schon gar nichts wusste Ngajole von den beeindruckenden Waffen, gepanzerten Fahrzeugen und 920 bestens ausgebildeten Soldaten, die Frankreich und ein paar europäische Staaten schon am 10. Juni nach Bunia geschickt hatten. Seit gestern unterstützen auch deutsche Soldaten die Friedensmission, allerdings von Uganda aus.

Das Massaker in Katoto, kaum 24 Kilometer nördlich von Bunia, geschah trotz der Militärpräsenz. Und rings um das inzwischen sichere Bunia haben sich die Milizionäre eingeigelt. Denn die Militärmission unter Uno-Mandat bleibt auf Bunia beschränkt. Und hier wohnt nur ein ganz kleiner Teil der Menschen in der Provinz Ituri. Und Ituri ist nur ein kleiner Teil des drittgrößten Landes Afrikas, das weitgehend in der Hand von Rebellengruppen ist, seit das Mobutu-Regime vor sechs Jahren zusammengebrochen ist. 3,3 Millionen Menschen sollen seitdem landesweit umgebracht worden sein. Am schlimmsten aber steht es in Ituri, im Nordosten des Kongos.

In Bunia selbst hat die Mission allerdings einiges erreicht. "Vor 15 Tagen lauerte hier alle zehn Meter eine Waffe", sagt Oberst Gerard Dubois, Sprecher des so genannten "multinationalen" Einsatzkommandos, das in Wirklichkeit ein französisches Kommando ist. Vor einem Monat noch streunten bewaffnete Teenager mit Kalaschnikows durch die verlassenen Straßen Bunias. Die Einwohner hatten sich entweder in Lager in der Nähe der Uno-Soldaten gerettet oder waren aus der Stadt geflohen. Auf dem Markt war außer geplünderten Läden und verrottenden Kadavern nichts zu finden.

Jetzt gibt es dort wieder etwas zu essen, einige Medikamente, Benzin in Plastikkanistern und hin und wieder sogar die eine oder andere Flasche Coca-Cola.

Die französischen Soldaten haben hart durchgegriffen. Rigoros zogen sie vergangene Woche ihre "Operation Bunia ohne Waffen" durch, bei der alle bewaffneten UPC-Kämpfer Bunia verlassen mussten. Die Leute des UPC-Armeechefs Floribert Kisembo luden in aller Eile Dutzende von Kalaschnikows in Geländewagen. Auch Hauptmann Safari Masoudi half mit, einen Toyota Landcruiser zu packen. Dass er Soldat ist, ist nur an seinem Funkgerät zu erkennen, in dieser Zeit bevorzugt er Zivilkleidung und beruhigende Worte. "Wir machen keine Probleme", sagte er, "mit unserem Rückzug zeigen wir, dass wir kooperieren wollen."

Als am Abend endlich sechs Geländewagen voller Milizen und Waffen aus der Stadt rollten, war Bunia frei von Milizen - abgesehen von 30 Männern zur Bewachung des UPC-Kommandeurs Thomas Lubanga. Er nennt sich Präsident und bleibt, um seinen Machtanspruch zu demonstrieren. Die Leibwache darf er behalten, das gehört zu den Rückzugsbedingungen.

Die Franzosen kontrollieren inzwischen ein rund zehn Quadratkilometer großes Gebiet, etwas größer als die Grenzen Bunias. Doch die französische Operation endet am 1. September. Der Uno-Sicherheitsrat ringt um einen Plan, 2 500 Blauhelme aus Bangladesch nach Bunia zu bringen, um die Franzosen abzulösen. Bis dahin hofft die Uno, dass eine neue Regierung für die Provinz Ituri so etwas wie eine Zivilverwaltung eingesetzt hat.

Diese Provinzregierung - genannt "Kommission für die Befriedung Ituris" - soll aus Vertretern der Hema, Lendu und der anderen sechs ethnischen Bevölkerungsgruppen in der Provinz zusammengesetzt werden. Doch bisher hat die Kommission keinerlei Anstalten gemacht, hilflosen Dorfbewohnern wie denen von Katoto Sicherheit zu bringen.

UPC-Chef Lubanga beansprucht für sich noch immer eine Führungsposition. Seine Milizionäre liegen vor der Stadtgrenze Bunias auf der Lauer. Waffen haben sie genug, um die Stadt in eine Hölle wie Katoto zu verwandeln. Bevor UPC-Hauptmann Safari Masoudi auf den Jeep aufsprang und die Stadt verließ, antwortete er noch auf die Frage, was er nach dem Abzug der Franzosen tun werde: "Wir werden nach Bunia zurückkehren."

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