Kongress: Zukunft der Kohle
Minister Schwanhold zu den Perspektiven moderner Energietechnologien

Handelsblatt sprach mit Ernst Schwanhold, Minister für Wirtschaft und Mittelstand, Energie und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, über die Zukunft der Kohle.

Nordrhein-Westfalen hält an seiner Kohlepolitik fest, obwohl der Beitrag der Kohle zur Energiebedarfsdeckung in Deutschland stetig sinkt. Ist eine solche Position zukunftsfähig?

Unser Engagement für die Kohle ist Bestandteil einer Energiepolitik, die eine nachhaltige Energieversorgung zum Ziel hat. Dazu gehört neben den ökonomischen und ökologischen Aspekten auch die Sicherung der Versorgung. Ein "Sicherheitssockel" , der in Deutschland aus Braunkohle, Steinkohle und in steigendem Maße auch unerschöpflichen Energiequellen besteht, ist dafür aus meiner Sicht unerlässlich. Im übrigen haben Kohlepolitik und Kohletechnologien eine deutsche, eine europäische und eine weltweite Dimension. Kohle wird in den nächsten 150 bis 200 Jahren unter den fossilen Energieträgern weltweit die größte Bedeutung haben. Daher kommt der nachhaltige Nutzung der Kohle eine besondere Bedeutung zu.

Welchen Beitrag kann Nordrhein-Westfalen dazu leisten?

Wir müssen die Braunkohle und die Steinkohle in unserem Land so effizient wie möglich nutzen und wir müssen als Energie- und Technologieland in Europa Verantwortung übernehmen für die Entwicklung effizienterer Kraftwerkstechniken.

Mit dem Kraftwerkserneuerungsprogramm, dass die Landesregierung mit dem RWE-Konzern verabredet hat, haben wir eine tragfähige Grundlage für den Ersatz der vorhandenen Braunkohlenkraftwerke in unserem Land durch neue Anlagen mit effizientester Technik geschaffen. Eine im Ergebnis vergleichbare Vereinbarung benötigen wir auch für die Steinkohlekraftwerke. Außerdem ist im Bereich der Steinkohle weltweit ein deutlicher Zubau von Kohlekraftwerksleistung zu verzeichnen. In den Industrieländern werden mittelfristig vorhandene Kraftwerke ersetzt werden.

In Deutschland und Europa gehen wir davon aus, dass etwa ab dem Jahr 2010 vorhandene Kraftwerksleistung ersetzt werden muss. Die Entwicklung eines "Kohlekraftwerks der Zukunft" mit einer realisierten Referenzanlage in Nordrhein-Westfalen ist unter industriepolitischen Gesichtsgründen und aus Gründen des Klimaschutzes hoch aktuell. Wir sind uns mit der Kraftwerkswirtschaft aber auch mit den Herstellern darüber einig, dass ein solches Kraftwerk, dass nicht nur ökologisch anspruchsvoll ist, sondern auch ökonomisch im weltweiten Wettbewerb bestehen kann, entwickelt werden muss. Kohlekraftwerke mit Wirkungsgraden von 50 % und darüber hinaus sind sicherlich ein ehrgeiziges Ziel. Ich sehe hier aber für die nordrhein-westfälische Industrie erhebliche Entwicklungs- und Exportchancen. Daher bringen wir gemeinsam mit der Wirtschaft eine entsprechende Machbarkeitsstudie auf den Weg.

Haben Großkraftwerke in Anbetracht der wachsenden Bedeutung dezentraler Energieerzeugungsanlagen noch eine Zukunft?

Niemand zweifelt daran, dass dezentrale Energiesysteme künftig deutlich an Bedeutung gewinnen werden. Dezentrale und Zentrale Umwandlungsanlagen sind jedoch keine Alternative, sondern sie ergänzen sich. Überall dort, wo dezentrale Potentiale ausgeschöpft werden können, sollten wir dies tun. Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung, zu denen auch die Brennstoffzelle gehört, aber auch die erneuerbaren Energie werden daran einen maßgeblichen Anteil haben.

Sie sprechen die Brennstoffzelle an. Was macht diese Technik für Sie so interessant?

Die Brennstoffzelle wird die Energieversorgung schon bald maßgeblich beeinflussen. Es geht nicht nur darum, dass eine neue, effizientere Technik eine alte Technik, die sich bewährt hat ersetzt. Es geht darum, dass mit der Einführung der Brennstoffzellen-Technik gerade im stationären Bereich neue Dienstleistungen erbracht werden können. Wenn die Bürger nicht mehr Gas und Strom vom Energieversorger beziehen, sondern Wärme und Strom aus einer dezentralen Energieversorgungseinheit auf Basis der Brennstoffzelle, dann müssen die vielen dezentralen Versorgungseinheiten dem Energiebedarf angepasst und ihrer Leistungsabgabe koordiniert werden. Das bedeutet: neue Dienstleistungen, neue Strukturen, neue Organisationsformen und schließlich neue Arbeitsplätze.

Es gibt Stimmen, die vor einer Überforderung der Stromversorgungsnetze durch dezentrale Erzeugungsanlagen warnen. Ist das wirklich ein Problem?

Der Trend zur Dezentralisierung der Energieversorgung stellt neue Anforderungen an die Stromversorgungsnetze und an die Netzstruktur. Auch die Betriebsführung und ggf. zusätzlich vorzusehende Schutzmaßnahmen zur Begrenzung von Rückwirkungen müssen auf die steigende Dezentralität eingestimmt werden. Die forcierte Nutzung der Windenergie, die Auswirkungen des KWK-Gesetzes und der Einsatz neuer Technologien, wie der Brennstoffzelle, erfordert in den nächsten Jahren neue Regelungskonzepte, wie z. B. die Zusammenfassung zu virtuellen Kraftwerken. Da der Erhalt und der Ausbau bestehender und der Aufbau neuer Netzinfrastrukturen lange Planungszeiten und Investitionszyklen erfordern, sind in den kommenden Jahren entscheidende Weichenstellungen notwendig. Hierdurch gewinnt das Thema zunehmend an Aktualität. Es gibt Anpassungsnotwendigkeiten - Probleme erwarte ich vorerst nicht.

Die Landesregierung NRW hat in der Frage eines verstärkten Einsatzes von Erdgas in Großkraftwerken eine eher zurückhaltende Position. Worauf gründet sich dies?

Es wäre unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten wenig sinnvoll, den Primärenergieträger Kohle in der konventionellen Großkraftwerksstromerzeugung durch den wertvollen Energieträger Erdgas systematisch zu ersetzen. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Nutzung der Primärenergien muss im Blick haben, dass nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand die Erdgasvorräte nur 15 % der gewinnbaren Weltvorräte aus fossilen Energien, die Kohlevorräte jedoch fast 70 % ausmachen. Am Weltenergieverbrauch ist aber das Erdgas bereits jetzt zu 27 % beteiligt. Gerade die Schwellenländer sind in Zukunft auf die Nutzung der Kohle angewiesen. Deswegen ist es wichtig, das gewaltige Potenzial zur Senkung der CO2-Emmissionen bei der Kohleverstromung durch den Einsatz fortentwickelter und neuer Kraftwerkstechnologien auszuschöpfen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%