Konjunktur 2002: Binnenwirtschaft liegt am Boden – Export hat das Schlimmste verhindert
Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Formal hat Deutschland 2002 keine neue Rezession erlebt - subjektiv war das Jahr aber für viele das wirtschaftlich härteste seit langem. Wie konnten fast alle Experten die Krise bis in den Sommer hinein glatt übersehen?

DÜSSELDORF. 2002 sollte ein gutes Jahr werden für die deutsche Konjunktur. Ein richtig gutes. Darauf hatten sich die Konjunkturforscher rund um den Globus geeinigt. Damals, im Frühjahr 2001. 2,4 % Wirtschaftswachstum sagten die Ökonomen der Pariser OECD Deutschland für 2002 voraus. Der Internationale Währungsfonds schlug noch 0,2 Prozentpunkte drauf. Und hier zu Lande hielt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen gar 2,8 % für wahrscheinlich. Deutschland 2002 - ein Land unter Dampf.

Schön wär?s gewesen. Heute wirken diese Prognosen wie von einem anderen Stern. Zugegeben, schon vor dem 11. September 2001 war allen Beteiligten klar: die zwei vor dem Komma kann Deutschland beim Wachstum 2002 nicht erreichen. Aber dass es eine zwei nach dem Komma wird, mit einer Null davor - das hielten auch nach dem Terrorschock die wenigsten Ökonomen für wahrscheinlich. Zwei Monate nach den Anschlägen von New York und Washington prognostizierten die Wirtschaftsweisen für 2002 einen realen BIP-Anstieg von 0,7 %.

Und als sich danach so gut wie alle Konjunkturindikatoren von Monat zu Monat verbesserten, da waren sich fast alle Volkswirte sicher: Der Aufschwung steht vor der Tür. "Wir haben uns nur noch darüber gestritten, ob er im zweiten oder im dritten Quartal einsetzt", erinnert sich Joachim Scheide, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Er plädierte für das zweite Quartal - und lag mit seiner Prognose von 1,2 % Wachstum besonders deutlich daneben. Ein schwacher Trost: Die Deutsche Bank prognostizierte im Frühjahr gar sagenhafte 1,6 %. "2002", lautet Scheides trockenes Fazit, "ist das Jahr der enttäuschten Hoffnung."

Vor allem die zweite Jahreshälfte, auf die die Prognostiker bis in den Sommer hinein all ihre Hoffnungen gesetzt hatten, sie war eine Zeit der gefühlten Rezession. Formal hat das Land keine neue Rezession erlebt. Die technische Definition - zwei Quartale in Folge negatives BIP-Wachstum zum Vorquartal - war anders als 2001 nicht erfüllt. Und dennoch empfanden viele Deutsche die abgelaufenen zwölf Monate als härtestes Jahr seit der Rezession von 1993. "Das vergangene Jahr war wie Seitwärtsgehen im Matsch", sagt Michael Hüther, Chefvolkswirt der Deka-Bank. "Man rutscht zwar nicht in den Graben, aber von unten steigt langsam die Feuchtigkeit die Hose hoch - das ist auch ziemlich unangenehm."

Und wie. Die Zahl der Firmenpleiten kletterte im Jahresvergleich um 16 %, die der Arbeitslosen stieg um über 200 000 und liegt wieder über der magischen Grenze von vier Millionen. In der Industrie lag die Produktion erstmals seit 1993 wieder unter dem Niveau des Vorjahres. Die Bruttoanlageinvestitionen brachen gar so stark ein wie seit der Ölkrise 1974 nicht mehr. Und die privaten Konsumausgaben schrumpften zum ersten Mal seit der deutschen Vereinigung. Es hat nicht viel gefehlt, und die gefühlte Rezession wäre in eine echte umgeschlagen: Nur der Export hat Deutschland 2002 gerade noch so über Wasser gehalten.

Wie konnte es passieren, dass fast alle Konjunkturforscher die Wirtschaftskrise bis in den Sommer hinein glatt übersehen haben? "Die Frühindikatoren", sagt IfW-Experte Scheide, "haben uns in diesem Jahr massiv in die Irre geführt." Allen voran der Ifo-Geschäftsklima-Index. Erst war er nach den Terroranschlägen wie ein Stein zu Boden gefallen. Ab Januar dann hob er ab wie eine Rakete - Treibsatz waren die besseren Geschäftserwartungen. Auf dem Gipfel der Euphorie, im Mai 2002, waren sie fast so hoch wie zum Höhepunkt des New-Economy-Booms.

Und wenn der Ifo-Index durchstartet, kommt wenig später auch die Wirtschaft in Schwung - so war es in all den vergangenen Jahrzehnten immer gewesen. Daher schraubten selbst eher skeptische Volkswirte ihre Prognosen hoch - "widerwillig", wie sich Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB, erinnert. "Aber dem Druck des Ifo-Höhenflugs konnte ich mich nicht entziehen."

Wenn sich Ökonomen heute an jene Monate erinnern, sprechen sie von einer "Erwartungsblase". Eine Kette unglücklicher Umstände hat zu diesem Phänomen geführt. Zum einen die Unsicherheit nach dem 11. September. Damals fürchteten viele Unternehmen den Kollaps der Weltwirtschaft. Die Stimmung stürzte ins Bodenlose. Als der Absturz ausblieb, der Krieg in Afghanistan schnell entschieden war und die US-Wirtschaft um den Jahreswechsel 2001/2002 rasant an Fahrt aufnahm, schlug der übertriebene Pessimismus in übertriebenen Optimismus um.

Bei den Privatleuten hingegen regierte vor allem zu Jahresbeginn der "Teuro"-Frust. Da können die Beamten des Statistischen Bundesamtes so wie zuletzt vergangenen Freitag dreimal betonen: "Unser Geld hat durch die Einführung des Euros nicht an Wert verloren" - in den Augen der Verbraucher gab es, Euro sei Dank, einen massiven Inflationsschub. Und den ließen sich die Deutschen nicht gefallen, sie traten in Sachen Konsum in den unbefristeten Generalstreik. Das brockte den Einzelhändlern das schlechteste Jahr der Nachkriegsgeschichte ein.

Hinzu kam das, was Ökonomen "exogene Schocks" nennen: unvorgesehene Ereignisse, die alle Prognosen über den Haufen werfen. Und davon hatte 2002 gleich zwei zu bieten: Die ständige Unsicherheit über einen drohenden Irak- Krieg schraubte schon im April 2002 die Erdölpreise auf über 27 US-Dollar hoch und verunsicherte die Aktienmärkte. Nach dem Worldcom-Skandal im Juni brachen an den Börsen dann alle Dämme. Die Nachricht, dass der US-Telekommunikationskonzern über Jahre seine Bilanzen frisiert hatte, verwandelte die seit März 2000 dauernde Baisse in die schlimmste Börsenkrise seit 1929. Und die hinterlässt in der Realwirtschaft tiefe Spuren. Die Finanzmärkte beeinflussen die Weltwirtschaft heute wesentlich stärker als noch in den achtziger Jahren. "Noch nie seit dem zweiten Weltkrieg", betont WestLB-Ökonom Hombrecher, "war die Lage der Weltwirtschaft so kritisch wie derzeit."

Quelle: Handelsblatt

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