Konjunktur
Analyse: Der Aufschwung ist eine Schnecke

Ist Martin Wansleben ein Miesmacher? Einer, der "das Land schlecht redet", dem Aufschwung und damit "uns allen" schadet? So hat Bundeskanzler Gerhard Schröder kürzlich in einer SPD-Anzeige all diejenigen bezeichnet, die immer noch nicht an einen kräftigen Aufschwung glauben wollen. Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) - eine Art konjunktureller Wehrkraftzersetzer?

Auf den ersten Blick sieht es fast danach aus: Der Ifo-Geschäftsklima-Index ist gestern kräftiger gestiegen als gemeinhin erwartet. Bankvolkswirte wie Börsianer feierten das Plus euphorisch. Nur Wansleben erwies sich als Spaßbremse: Der DIHK rechne nur mit 0,5 Prozent Wachstum im laufenden Jahr, bekräftigte er. Bei einem Mini-Plus von 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal von einem kräftigen Aufschwung zu sprechen sei "illusorisch und weltfremd".

Und so traurig es ist: Wansleben hat Recht. Zwar hat die deutsche Konjunktur inzwischen wohl das Schlimmste hinter sich - was aber nicht bedeutet, dass es jetzt wieder steil nach oben geht. Im Gegenteil: Die harten Konjunkturdaten legen eine träge Erholung nahe. So brach die Industrie-Produktion im März gegenüber dem Vorjahr um 11,2 Prozent weg - doppelt so stark wie im Februar. Die Auftragseingänge waren 9,4 Prozent geringer als vor einem Jahr. Optimisten mögen einwenden, dass die Firmen immerhin 0,2 Prozent mehr Aufträge als im Februar verbuchen. Doch das lag einzig an gestiegenen Auslandsorders - aus dem Inland kamen erneut weniger Aufträge.

Auch die zweifellos guten Ifo-Zahlen ändern wenig an diesem trüben Bild: Erstens notiert der Gesamtindex noch niedriger als im April 2001 - der Anstieg ist also immer noch eine Korrektur des Schocks vom 11. September, als der Index wie ein Stein zu Boden fiel. Zweitens basiert das Plus fast ausschließlich auf dem Prinzip Hoffnung: Die aktuelle Geschäftslage ist im Mai aus Sicht der Unternehmen fast genauso desolat wie zu Jahresbeginn - und sogar schlechter als unmittelbar nach den Terroranschlägen im September. Deutlich nach oben zeigen nur die Geschäftserwartungen: Die meisten Firmen glauben, dass sich das Bild in den nächsten sechs Monaten bessert.

Sicherlich: Eine solche Lücke zwischen Lage und Erwartungen ist charakteristisch für eine Konjunkturwende. Doch so argumentierten Volkswirte bereits vor zwei Monaten - und merkten schon damals vorsichtig an, langsam müsse sich auch mal etwas an der Lage-Komponente tun. Die Wende zieht sich also in die Länge.

Und das ist wenig verwunderlich. Denn die Binnenkonjunktur liegt am Boden. Die Talfahrt, die im zweiten Quartal 2001 begann, hat sich im ersten Quartal 2002 noch beschleunigt. Die Inlandsnachfrage war 2,8 Prozent geringer als vor einem Jahr. Einziger Hoffnungswert sind die Exporte. Und selbst die waren trotz der erstaunlichen Stärke der US-Wirtschaft im Jahresvergleich mit 0,5 Prozent im Minus - zu wenig, um Unternehmen Lust auf neue Investitionen zu machen. Dies aber wäre der Schlüssel für eine dauerhafte Erholung. Wer in einem solchen Umfeld von einem "kräftigen Aufschwung" redet, muss sich den Vorwurf des Realitätsverlustes gefallen lassen. Näher an der Wirklichkeit ist ein abgewandeltes Bonmot von Günter Grass: Der Aufschwung ist eine Schnecke.

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