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Konjunktur im Euro-Raum bleibt auf Talfahrt

Schon vor den Terroranschlägen in den USA hatte sich das Konjunkturklima im Euro-Raum deutlich eingetrübt. Konsumenten und Investoren verloren weiter an Zuversicht. Die rückläufige Inflationsrate bei gleichzeitig sinkenden Zinsen lässt aber eine Rezession unwahrscheinlich erscheinen.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt- Eurokonjunktur-Indikator setzte im Oktober seine vor einem Jahr begonnene Talfahrt fort. Mit 1,0 % nach 1,2 % im Vormonat hat er allein seit Jahresbeginn zwei volle Prozentpunkte eingebüßt und ein Fünfjahrestief erreicht. Dabei sind die Auswirkungen der Terroranschläge in den USA überwiegend noch nicht in den aktuellen Einzelwerten enthalten. Die derzeit von dem Indikator vorausgesagte Wachstumsrate von 1,5 % für das laufende Jahr dürfte deswegen noch zu optimistisch sein.

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Gleichwohl lassen die guten monetären Rahmenbedingungen das Abgleiten des Euro-Raums in eine Rezession derzeit eher unwahrscheinlich erscheinen. Vielmehr könnte es im kommenden Jahr - wenngleich mit einem oder zwei Quartalen Verspätung - durchaus zu der ursprünglich schon für den Jahresbeginn erhofften Konjunkturbelebung kommen. Wie alle aktuellen Konjunkturprognosen steht auch diese Hoffnung freilich unter dem Vorbehalt der weiteren politischen und militärischen Entwicklung. Eine Schlüsselrolle für die Konjunktur kommt dabei erfahrungsgemäß der Ölpreisentwicklung zu, der zuletzt sogar gesunken ist.

Die von der Europäischen Kommission jetzt veröffentlichten Umfragen für August und September signalisieren ein erneut nachlassendes Vertrauen von Industrie und Konsumenten in die Konjunktur. Das bereits seit Herbst vergangenen Jahres auf dem Rückzug befindliche Industrievertrauen hat sich im August und September um jeweils einen weiteren Punkt verschlechtert und unterschreitet mit-11 Punkten inzwischen auch deutlich sein langfristiges Durchschnittsniveau von-8 Punkten im Mittel der Jahre 1990 bis 2000. Sowohl die Produktionserwartungen als auch die Auftragseingänge, selbst die aus dem Ausland, gingen im September weiter zurück. Dabei ist zu beachten, dass die Umfragen größten Teils vor dem 11. September abgeschlossen waren; erst die Oktoberergebnisse werden genaueren Aufschluss über die Auswirkungen der Anschläge auf die Industrie Europas geben.

Dies gilt auch für das Verbrauchervertrauen, das sich ebenfalls schon vor dem 11. September stark eingetrübt hatte. Seit April ist das Verbrauchervertrauen jeden Monat geringer geworden. Es hat auch im August und September auf-9 Punkte weiter nachgegeben. Zuletzt hat vor allem die Erwartung, dass sich die allgemeine wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert und die Arbeitslosigkeit steigt, die Lust zu größeren Anschaffungen genommen. Ihre persönliche Situation schätzten die Verbraucher dagegen in den letzten Monaten nahezu unverändert und relativ günstig ein. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate äußerten sie sich sogar wieder etwas zufriedener mit ihrer finanziellen Lage.

Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Europäische Kommission die Definition des Verbrauchervertrauens geändert hat. In diesen Index gehen jetzt nur noch Fragen nach der Zukunft ein und nicht mehr auch solche nach der Vergangenheit. Im Ergebnis hat dies nicht zu einer Phasenverschiebung des Indikators, sondern nur zu etwas größeren Ausschlägen seiner Amplitude im Konjunkturverlauf geführt. Auch in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator gehen nun rückwirkend bis Anfang 1990 die Werte des neu definierten Konsumentenvertrauens ein. Wegen der geringen Gewichtung des Vertrauensindikators von lediglich 10 % bei der Berechnung des Handelsblatt- Indikators hat dies aber nur marginale Auswirkungen auf dessen Verlauf.

Die Industrieproduktion in der Euro-Zone hat im Juli nach dem kurzzeitigen Anstieg im Juni ihren Abwärtskurs fortgesetzt. Der saisonbereinigte Rückgang zum Vormonat fiel mit 1,4 % sogar noch deutlicher aus als von März bis Mai. Die stärksten Abnahmen waren, gemessen am Saisonbereinigungsverfahren der EU, zuletzt in den Niederlanden sowie in Spanien und Deutschland zu verzeichnen. Bisher deutet wenig darauf hin, dass der Abwärtstrend demnächst gebrochen wird.

Die Geldmenge M2 war im August nach vorläufigen Angaben nur noch 4,2 % höher als ein Jahr zuvor. Daraus darf aber nicht auf eine restriktive Geldpolitik geschlossen werden. Im Gegenteil: Saisonbereinigt ist der Zuwachs in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen - auch in der für die EZB maßgeblichen Geldmengenabgrenzung M3. Zuletzt lag ihr auf Jahresrate hochgerechnetes Wachstum bei 4,9 %, also etwas oberhalb des Zielpfades von 4,5 %. Bei einer Inflationsrate von 2,8 % im August besteht somit genügend Spielraum für das reale Wirtschaftswachstum im Euro-Raum, vor allem wenn sich der Preisanstieg im September auf 2,3 % verringern sollte.

Unterstrichen wird die entspannte monetäre Situation von sinkenden Zinsen, vor allem bei kurzen Laufzeiten: Der Dreimonatszins Fibor hat im September nach der raschen Zinssenkung der EZB nochmals deutlich nachgegeben. Er lag im Monatsdurchschnitt erstmals seit eineinhalb Jahren wieder knapp unter der 4 %- Marke. Für die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen liegt noch keine offizielle Angabe vor, jedoch dürfte sie sich im September ebenfalls leicht auf etwa 5 % ermäßigt haben. Damit hat die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Differenz zwischen den beiden Zinssätzen nach kurzer Unterbrechung im August ihren Erholungskurs fortgesetzt. Das ist konjunkturell ein ermutigendes Zeichen.

Insgesamt befindet sich die Konjunktur im Euro-Raum derzeit noch auf Talfahrt. Trotzdem erscheint übertriebener Pessimismus nicht am Platze. Vorausgesetzt, die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan halten sich in Grenzen und lösen keine neuen Schockwellen aus, dürften auch die konjunkturellen Folgen der Anschläge auf ein oder zwei Quartale begrenzt bleiben. In diesem Fall könnte es vielleicht schon zur Jahresmitte 2002 einen neuen Aufschwung geben.

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