Konjunktur in Gefahr
Systemkrise: Dollar verliert rapide an Wert

Von nichts Geringerem als einem Dogma verabschieden wir uns derzeit. Über eine halbe Dekade lang gehörte es zum Evangelium sowohl vieler Politiker wie Ökonomen: Der Dollar müsse stark sein, da die amerikanische Wirtschaft stark, Europa jedoch träge sei.

Das Wachstum in den USA gewinnt wieder an Kraft (1. Quartal 6,1 % Wertschaftswachstum), Europa verharrt weiterhin in der Reformstarre. Doch der Dollar taumelt. Am Freitag war es um ein Haar so weit. Der Euro kratze an der Parität zum Dollar. Nur Interventionen der drei wichtigsten Notenbanken zu Gunsten des Yens, der ebenfalls deutlich an Wert gegenüber dem Greenback gewann, gab der US-Währung wieder leichten Auftrieb. Doch die Erfahrung lehrt, dass selbst konzertierte Eingriffe zwar kurzfistig etwas bewirken, aber keinen Trend brechen können.

Trotz der deutlich besseren Wachstumserwartungen, da ist sich eine überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler einig, wird es weiter bergab mit der globalen Leitwährung gehen. Und zwar weit über die psycholigische wichitge Hürde von 1:1 hinweg. Angesichts der Ungleichgewichte vor allem in der US-Leistungsbilanz ist durchaus ein Euro-Kurs von 1,30 denkbar. Manche Ökonomen schließen gar einen Kurs von über 1,50 Dollar nicht aus.

Warum? Amerika befindet sich in einer Vertrauenskrise, wenn nicht in einer Systemkrise. Nicht nur die Bilanzskandale à la Enron, Worldcom und jetzt Xerox erschüttert das Vertrauen in US-Wirtschaft. Analysten, Wirtschaftsprüfer und Rating-Agenturen stehen unter General-Verdacht der Mauschelei mit den Großunternehmen. Das Wall Street Journal spricht gar von einem "Watergate der amerikanischen Wirtschaft".

Aber es ist mehr: Die ganze wirtschaftspolitische Linie der Regierung Bush steht im klaren Kontrast zur Politik der Ära Clinton. Der schlanke Staat unter dem Ex-Präsidenten galt als Garant für die Attraktivität des Investitions-Standortes USA. Nicht mehr "It?s the Economy, stupid" ist das Motto. Nein, George Bush pflegt eine Rhetorik einer "kriegsführenden Nation". Jegliche Aktion dient der nationalen Sicherheit, der patriotischen Sache. Amerkanische Waffen sind aus amerikanischen Stahl zu fertigen werden - Strafzölle müssen also her. Die Landwirtschaft gilt es - den Europäern gleich - mit üppigen Subventionen zu verwöhnen.

Insgesamt ein glatter Verrat an Ideal des Freihandels, das Bush während seines Wahlkampfes nicht müde wurde zu propagieren. Die Regierung schöpft wieder aus dem Vollen. Das Militär erfreut sich eines Etat-Plus von 20 Prozent. Die Flugsicherheit wird verstaatlicht. Die Konsequenz: Der Staat avanciert auf breiter Front zum Unternehmer - ganz im Kontrast zur republikanischen Tradition. Das Geld findet nicht mehr seinen Weg zu den produktivsten Privatinvestitionen.

All das schafft vielleicht ein sichereres Amerika. Aber Gründe, warum internationale Investoren täglich eine Summe von 1,5 Milliarden Dollar in den USA anlegen sollen, um das enorme Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, sind das sicherlich nicht. Die zwingende Folge: Dem mächtigen Dollar geht nach fast siebenjähriger Hausse die Luft aus.

Und Europa? Häme ist sicherlich fehl amPlatze. Zwar sinkt diesseits des Atlantiks mit steigendem Dollar der inflationäre Druck. Die EZB kann sich also mit Zinserhöhungen Zeit lassen. Doch in Gefahr ist die gerade für Deutschland so wichtige Exportindustrie. Eine harte Landung des Dollars, sprich eine Abwertung um 20 Prozent oder mehr, könnte das ohnehin zarte Pflänzchen Aufschwung frühzeitig erdrücken.

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