Konjunktur
Tief im Tal

Wo ist der Ausweg? – Alle wichtigen Stimmungsindikatoren in diesem Lande zeichnen ein noch viel jämmerlicheres Bild als vor wenigen Monten – vom Ifo-Geschäftsklima über die ZEW-Konjunkturerwartungen bis hin zum Handelsblatt Business-Monitor.

"Deutschland, hör auf zu flennen!" Keine drei Monate ist es her, dass ein Kleinkind diesen Satz allabendlich der deutschen Fernseh-Gemeinde immer und immer wieder entgegenbrüllte, zur besten Sendezeit kurz vor der Tagesschau in einem Werbespot eines Elektronikhändlers. Heute ist klar: Gesamtwirtschaftlich war diese Reklame rausgeschmissenes Geld. Alle wichtigen Stimmungsindikatoren in diesem Lande zeichnen inzwischen ein noch viel jämmerlicheres Bild als vor wenigen Monten - vom Ifo-Geschäftsklima über die ZEW-Konjunkturerwartungen bis hin zum Handelsblatt Business-Monitor. Die krisengeschüttelte Bauwirtschaft befürchtet ein rabenschwarzes Jahr, die ostdeutsche Industrie ist pessimistisch wie selten zuvor, die Traditionsbranche Maschinenbau erwartet 2003 allenfalls Stagnation. Die Stimmung in Deutschland befindet sich seit Monaten im Rausch der Tiefe. Ganz anders das Bild im Rest der Euro-Zone: In Frankreich, Belgien und Italien zum Beispiel hellt sich die Stimmung langsam wieder auf.

Zerfleischen sich die Deutschen also wieder einmal selbst in diesen Tagen? Muss sich das Land einfach nur

wieder ein bisschen zusammenreißen, um Stimmungs- und Konjunkturkrise zu überwinden? Wenn die Sache doch nur so einfach wäre. Aber leider steckt hinter dem allgegenwärtigen Wehklagen mehr als nur kindisches Selbstmitleid. Der Pessimismus ist Ausdruck einer tiefen Vertrauenskrise - und das aus gutem Grund.

Die konzeptionslose Politik der rot-grünen Bundesregierung und die ebenso konzeptionslose Kritik der Opposition verfestigen bei immer mehr Unternehmern und Volkswirten den gefährlichen Eindruck: Die deutsche Politik ist schlicht und einfach unfähig, das Land zukunftsfest zu machen.

Und selbst wenn die Schwarzmalerei an der einen oder anderen Stelle ein wenig übertrieben erscheint - gefährlich werden kann sie der deutschen Konjunktur allemal. Immer größer wird die Gefahr eines Teufelskreises aus mieser Stimmung und lahmender Realwirtschaft. Schon jetzt halten sich die Unternehmen mit Investitionen und Neueinstellungen in Deutschland so weit zurück, wie es nur irgendwie geht - und der Handelsblatt Business-Monitor zeigt, dass die Top-Manager beides im kommenden Jahr noch weiter zurückfahren wollen.

Groß ist daher die Gefahr, dass sich die ohnehin schon vorsichtigen Wachstumsprognosen für das kommende Jahr als zu optimistisch erweisen - ein Szenario, das man kaum zu denken wagt. Denn schon jetzt prognostizieren zahlreiche Ökonomen, dass sich die Wachstumslücke zwischen Deutschland und der gesamten Euro-Zone im nächsten Jahr weiter vergrößert. Und schon heute erwarten manche Wirtschaftsforscher, dass selbst das in der Dauerkrise steckende Japan Deutschland beim Wachstum im kommenden Jahr abhängen wird. Zyniker unter den Ökonomen bringen es allerdings fertig, aus den konjunkturellen Worst-Case- Szenarien Hoffnung zu schöpfen. Die Politik, argumentieren sie, ringe sich erst dann zu den nötigen Strukturreformen durch, wenn sie das Land vollends vor die Wand gefahren habe. Je schneller dies passiere, umso besser. Vielleicht erweist Gerd, der Geisterfahrer, dem Land am Ende ja doch noch einen Dienst.

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