KONJUNKTUR UND FINANZMÄRKTE
Nach der Kursparty herrscht in Taiwan jetzt Katerstimmung

Taiwans Börse hat ihr Frühlingserwachen dieses Jahr bereits im Januar gefeiert, mit einer rasanten 30-Prozent-Rally gegen den negativen Nasdaq-Trend - obwohl Technologiewerte über die Hälfte der Marktkapitalisierung Taiwans ausmachen. Aufs Jahr gesehen liegt der Aktienindex Taiex immer noch mit 22 % im Plus. Doch die weitere Entwicklung der Kurse hängt an den Konjunkturdaten - und die verschlechtern sich rasant.

HONGKONG. Mit der US-Wirtschaft lahmt der Hauptabnehmer der für Taiwan lebenswichtigen Elektronik-Ausfuhren. Mit Japan fällt eine regionale Wachstumslokomotive aus. Ob es dem Inselstaat gelingt, seine offiziell angepeilte Wachstumsrate von 5 % einzuhalten, hängt wesentlich vom Erfolg eines staatlichen Konjunkturprogramms und davon, ob die Exporte im zweiten Halbjahr anziehen, sagen Bankvolkswirte. Die jüngst veröffentlichten Indikatoren lassen jedoch eine deutlich schwächere Wirtschaftslage erwarten. ABN Amro hat seine Wachstumsvorhersage auf 2,9 % zusammengestrichen.

Die Exportaufträge aus dem Schlüsselmarkt USA gingen im Januar um 4,7 % zurück. Im Februar beschleunigte sich der Einbruch auf 5,5 %. Insgesamt sind die Aufträge seit Jahresanfang nur um 1,8 % gestiegen, nach einem Plus von 14,2 % im vierten Quartal 2000. "Alarmierend" sei das, meint ABN Amro Analyst Franklin Poon. Als Folge erwartet er, dass die Zentralbank die Zinsen senkt und den Markt "mit Liquidität überflutet".

Angesichts der schwachen Exportmärkte fahren Taiwans Unternehmen Investitionen zurück und specken Personal ab; die Gewinnsituation bleibt unter Druck. Der im Januar verabschiedete Nachtragshaushalt in Höhe von 3,4 Mrd. $ dürfte seine Wirkung erst im nächsten Halbjahr zeigen. Auch der Effekt der erwarteten weiteren Zinssenkungen wird erst in drei bis sechs Monate spürbar, glauben die Volkswirte. Zinsschritte sind außerdem ein Drahtseilakt, weil sie die Währung schwächen. Die Talfahrt des japanischen Yen lässt Taiwan allerdings keine Alternative zu einer schleichenden Abwertung seines Taiwan-Dollars (NT$), will das Land bei den Exporten wettbewerbsfähig bleiben. "Die Zentralbank wird versuchen, die Währung langsam und kontrolliert rutschen zu lassen, um eine Kapitalflucht zu verhindern", sagt Weimin Chang, Research-Chef von ING Barings in Taipie.

Das ist nötig, will sie weiteren Druck auf das Bankensystem abwenden. Analysten gehen davon aus, dass 15 % aller Kredite Not leiden - doppelt so viel, wie die Regierung zugibt. SG Securities hält sogar eine Finanzkrise für möglich, für den Fall, dass sich die Wirtschaftsdaten drastisch verschlechtern. ING meint dagegen, dass die Regierung die nötigen Ressourcen hat, um das Problem zu managen. Die Reformen kommen allerdings bislang nicht vom Fleck.

Nach dem liquiditätsgetriebenen Kursfeuerwerk zum Jahresanfang erwartet ING Barings, dass die derzeitige Korrektur an der Börse kurzfristig andauert. "Aber der Markt wird bald einen Boden finden", glaubt Chang, "und ab Mitte April dürfte eine gute Zeit anbrechen zum Einstieg". Seine Zuversicht begründet er mit einem Anziehen der Konjunktur im zweiten Halbjahr im Windschatten der USA und dem Greifen von Zinssenkungen und von Konjunkturprogrammen vor den Wahlen. Anlegern rät er, sich auf Taiwans Chip-Hersteller zu konzentrieren: "Sie haben underperformed, und die schlechten Nachrichten sind in den Kursen."

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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