Konjunkturdaten signalisieren Rezession – Schlechte Firmenerträge erhöhen die Aktienbewertung
Märkte rechnen mit kräftiger Zinssenkung in den USA

Die US-Wirtschaft schliddert immer tiefer in die Rezession. Bei den Firmengewinnen ist keine Besserung in Sicht. Notenbankchef Greenspan dürfte deshalb die Zinsen auf zwei Prozent setzen.

som DÜSSELDORF. Nach schlechten Daten zum US-Arbeitsmarkt am Freitag rechnen die meisten Händler und Analysten damit, dass die US-Notenbank am Dienstag den Zielsatz für Tagesgeld um 0,5 Prozentpunkte senken wird. Damit wächst für die Europäische Zentralbank (EZB) der Druck, am Donnerstag ebenfalls die Zinsen herabzunehmen.

Ursache für die neuerlichen Zinshoffnungen sind neben dem Schrumpfen der US-Wirtschaft das stark zurückgegangene Vertrauen der Verbraucher und der Einkaufsmanager in die Entwicklung der Konjunktur sowie der unerwartet kräftige Anstieg der Arbeitslosigkeit. Im Oktober fiel in den USA die Zahl der Beschäftigten um 415 000. Das ist der stärkste Rückgang seit über 21 Jahren. Die Arbeitslosenquote stieg von 4,9 % im September auf 5,4 % im Oktober. US-Präsident George W. Bush forderte den Kongress auf, jetzt ohne Verzögerung ein Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft zu verabschieden. Bislang verhindert ein Parteienstreit die Entscheidung des Senats über das geplante 100-Milliarden-Dollar-Paket.

Analysten sind sich einig, dass die Rezession in den USA gravierender ist als bislang angenommen. Die für Anfang 2002 erwartete Erholung rücke in weite Ferne. "Die US-Wirtschaft befindet sich eindeutig in der Rezession", sagte Bruce Steinberg, Chefvolkswirt bei Merrill Lynch. Das Investmenthaus erwartet ebenso wie Goldman Sachs, dass die Fed am Dienstag die Zinsen um 0,5 Prozentpunkte senkt. Dies sagten auch 15 von 24 Händler, die Reuters befragte. 20 Marktteilnehmer rechnen sogar mit noch einem weiteren Zinsschritt in diesem Jahr.

Der Chef des Internationalen Währungsfonds Horst Köhler zeigte sich überzeugt, dass auch die EZB ihren Spielraum für Zinssenkungen nutzen werde. Er sehe in den Euroländern derzeit keine Inflationsgefahr, "sondern eher eine Rezessionsgefahr", sagte Köhler dem "Spiegel". Der EZB-Rat tagt am Donnerstag.

Die Unternehmen bestätigen die düsteren Konjunkturaussichten. Nach einem Gewinneinbruch von 17 % im zweiten Quartal erlitten die im marktbreiten amerikanischen S&P 500 Index notierten Firmen im dritten Quartal ein Minus von 22 % im Vergleich zum Vorjahr. Analysten hatten mit einem geringeren Minus gerechnet. Auch im letzten Quartal 2001 ist keine Besserung in Sicht. Chuck Hill von Thomson Financial fürchtet einen Rückgang von 20 %.

Trotz der trüben Aussichten reagierten die Börsen zuletzt mit Kursgewinnen. Ursache ist, dass Investoren mit noch schlechteren Zahlen gerechnet haben als die Analysten. Damit ist ein hohes Maß an Pessimismus "eingepreist". Weil aber die Ertragserwartungen für 2002 weit zurückgeschraubt wurden und die Kurse gestiegen sind, hat sich die Bewertung vieler Firmen kräftig erhöht. Vor allem US-Aktien sind hinsichtlich ihres Kurs-Gewinn-Verhältnisses wieder deutlich teurer als Anfang des Jahres.

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