Konjunkturelle Talsohle noch nicht erreicht
Ifo-Geschäftsklimaindex auf Acht-Jahrestief gesunken

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Oktober erneut eingetrübt, was nach Einschätzung des Ifo-Instituts die konjunkturelle Erholung weiter verzögern wird. Der Geschäftsklimaindex sei für Westdeutschland mit 84,7 (September 85,0) Punkten auf den tiefsten Stand seit acht Jahren gesunken, teilte das Münchener Ifo-Institut am Mittwoch mit.

DEUTSCHLAND/KONJUNKTUR/IFO 4.ZF

Reuters FRANKFURT. Analysten hatten mit einem unveränderten Wert gerechnet. Ifo-Volkswirt Gernot Nerb zufolge gibt es noch keine Anzeichen für eine baldige Erholung. Nerb erwartet weitere EZB-Leitzinssenkungen im nächsten Halbjahr. Die EU-Kommission zeichnete indes ein düsteres Bild für 2002. Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) rechnet vor dem zweiten Quartal 2002 nicht mit einer deutlichen Erholung der Konjunktur, sprach sich aber gegen Konjunkturprogramme aus.

"Es gibt einige Zeichen für eine Stabilisierung (bei der gegenwärtigen Geschäftsbeurteilung), aber noch kein Zeichen für eine Erholung in naher Zukunft", sagte Nerb im Interview mit Reuters. Für den vom Institut dennoch im kommenden Jahr erwarteten Aufschwung müsse der Erwartungsindex im Januar und Februar steigen. Der Index Geschäftserwartungen für die alten Bundesländer fiel auf 89,6 von revidiert 90,5 Punkten im Vormonat. Jörg Krämer von Invesco Asset Management zufolge ist der Index auf einem Niveau, dem stets eine Rezession gefolgt sei.

Mit Blick auf die Europäische Zentralbank (EZB) sagte Nerb: "Wir denken, es gibt Spielraum für eine weitere Zinssenkung um 50 Basispunkte im ersten Halbjahr." Krämer erwartet sogar einen Schlüsselzins von 2,0 % bis zum Sommer 2002. Die EZB hatte die Leitzinsen am 8. November um 50 Basispunkte auf 3,25 % im Schlüsselzins zurückgenommen. Die deutsche Inflationsrate ist im November Analysten zufolge unter die EZB-Toleranzgrenze für Preisstabilität von zwei Prozent gesunken, was Spielraum für weitere Zinssenkungen gäbe. Von Reuters befragte Experten rechnen im Schnitt mit einer Jahresteuerung von 1,9 (Oktober 2,0) Prozent. Daten aus sechs Bundesländern werden ab Donnerstag erwartet. Auf dieser Basis wird die vorläufige deutsche Teuerung berechnet.

Die Europäische Kommission zeichnete in ihrer Herbstprognose ein düsteres Bild der konjunkturellen Entwicklung Deutschlands 2002. Die deutsche Wirtschaft werde mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,7 % in der EU am langsamsten wachsen, hieß es in der Prognose. Die Entwicklung in Deutschland sei schlechter als noch im Frühjahr vorausgesehen. Für die Euro-Zone senkte die Kommission ihre Wachstumsprognose für 2001 auf 1,6 von 2,8 % und für 2002 auf 1,3 von 2,9 %. Währungskommissar Pedro Solbes sagte: "Der Ausblick gibt bis zu einem gewissen Grad Anlass zur Sorge, aber es gibt ein Licht am Ende des Tunnels." Es gebe keine Rezessionsgefahr für die EU, auch wenn ein Quartal mit negativem Wachstum nicht ausgeschlossen sei.

Bundesfinanzminister Eichel rechnet nicht vor dem zweiten Quartal des kommenden Jahres mit einer nachhaltigen konjunkturellen Erholung. Eichel sagte am Mittwoch am Rande des SPD-Parteitags in Nürnberg, die Konjunktur werde "im dritten und vierten Quartal (dieses Jahres) und wahrscheinlich im ersten Quartal 2002 unten sein". Er hatte zuvor Forderungen nach Konjunkturprogrammen in einem Reuters-Interview eine klare Absage erteilt. "Konjunkturprogramme helfen gar nicht." Das Statistische Bundesamt wird am Donnerstag Daten zum BIP-Wachstum im dritten Quartal vorlegen. Zum Vorjahr rechnen Volkswirte mit einem Wachstum von 0,5 (Vorjahr 3,0) Prozent, zum Vorquartal wie im zweiten Vierteljahr mit einer Stagnation. Dies entspricht auch ersten Berechnungen der Bundesbank.

Die Ifo-Daten bezeichnete Eichel als "im Rahmen der Erwartungen". Dabei müsse man aber zwischen Ost und West differenzieren. In Ostdeutschland stieg der Geschäftsklimaindex im September nach Ifo-Angaben auf 96,6 von revidiert 96,5 Punkten. "Die fundamentale Unsicherheit kommt nicht aus der Ökonomie, sondern aus der Politik", sagte Eichel weiter. Wenn der "Kampf gegen den Terror" irgendwann Bestandteil unserer Normalität sei, kämen ökonomische Argumente wieder stärker zum Tragen. Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostiziert für Deutschland in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 0,7 % nach 2,2 % in ihrer Frühjahrsprognose. 2002 werde das Wachstum anziehen.

An den Finanzmärkten fiel der Euro nach Bekanntgabe des Ifo-Index. Als dann am Nachmittag überraschend gute US-Daten auch noch den $ stützten, rutschte die Gemeinschaftswährung auf ein Drei-Monatstief unter 0,8760 $.

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