Konjunkturelle und strukturelle Schwächen
Deutsche Banken kriseln – Ausland schlägt Alarm

Der Finanzplatz Deutschland ist angeschlagen. Zwar bestreiten die Manager hier zu Lande, dass es eine Bankenkrise gibt. Doch Experten an der New Yorker Wall Street und in der Londoner City sehen das anders. Deutsche Banken und Versicherungen gelten in den Finanzmetropolen inzwischen als Problemfälle.

NEW YORK. Für den Finanzplatz Deutschland zu werben, ist derzeit nicht leicht. Zwar sind deutsche Banken und Versicherungen in aller Munde - aber nur mit der bösen Schlagzeile von einer Bankenkrise. So war Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth bei ihrer Werbeveranstaltung im feinen New Yorker St. Regis Hotel auf fremde Hilfe angewiesen: "Ich halte das für völlig übertrieben. Auslöser sind Medienberichte und nicht neue Fakten", verteidigte Lutz Raettig, Deutschlandchef der US-Investmentbank Morgan Stanley, seine bedrängten Kollegen in Mainhattan.

An den internationalen Finanzmärkten sieht man das anders. Die deutschen Finanztitel stehen weltweit unter Druck. Die Großbanken haben seit dem Sommer rund ein Drittel ihres Marktwertes verloren. Führende Ratingagenturen läuten die Alarmglocken und haben die Bonität der Institute reihenweise herabgestuft. Der Marktführer Deutsche Bank hat gerade die Märkte mit einem Quartalsverlust von 299 Mill. Euro geschockt.

Deutsche Banken und Versicherungen, einst Markenzeichen für finanzielle Solidität, gelten in den Finanzmetropolen London und New York inzwischen als Problemfälle. "Die deutschen Banken stecken in großen Schwierigkeiten - insbesondere wenn man sich ihre geringe Profitabilität und Kapitalstärke im internationalen Vergleich anschaut", sagt Adam Posen, Ökonom am Institute for International Economics (IIE) in Washington.

In den Frankfurter Bürotürmen schiebt man den schwarzen Peter weiter. Commerzbank-Chef Klaus- Peter Müller vermutet eine aus London gesteuerte Kampagne gegen sein Haus. Eine der Presse zugespielte Email der Investmentbank Merrill Lynch hatte die Liquidität der Bank in Frage gestellt. Andere Bankvorstände sehen die Schuld für ihre Schwierigkeiten in der schlechten Verfassung der deutschen Wirtschaft und in der Reformunfähigkeit der rot-grünen Regierung. Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Rolf E. Breuer macht gar die politischen Spannungen zwischen Deutschland und Amerika mitverantwortlich für das Krisengerede. In Frankfurter Bankenkreisen klagt man hinter vorgehaltener Hand über eine "anti-deutsche Stimmung in der Investment-Gemeinde". Auf der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds in Washington prasselte die Kritik wie ein Platzregen auf die deutschen Manager.

Ist das Gerede von einer Bankenkrise berechtigt? Für Stuart Graham, Bankenanalyst bei Merrill Lynch in London, kommt es darauf an, welche Messlatte man für die deutschen Probleme benutzt: "In Großbritannien würde man die Lage in Deutschland sicher als Bankenkrise bezeichnen, in Österreich vielleicht nicht." Für deutsche Banker kann das kein Trost sein. Nicht Wien, sondern London und New York geben den Ton auf den internationalen Finanzmärkten an.

"In Deutschland vermischen sich konjunkturelle mit strukturellen Schwächen", sagt Graham. Die geringe Ertagskraft deutscher Banken sei zwar seit langem bekannt, werde aber durch die Wirtschaftskrise in Deutschland zu einem ernsthaften Problem. "Die Banken verfügen über keinen ausreichenden Puffer, um steigende Kreditrisiken abzufedern", sagt er. Darüber hinaus habe die Schwäche an den Aktienmärkten unrealisierte Gewinne deutscher Banken vernichtet.

Von der Börsenschwäche wurden auch die Versicherer kalt erwischt. "Die Lebensversicherer in Deutschland hatten an der Börse einfach ein schlechtes timing", sagt Simon Harris, Analyst bei Moody?s in London. Sie hätten ausgerechnet in den vergangenen fünf Jahren ihr traditionell geringes Engagement in Aktien erhöht. "Die Kehrtwende auf den Aktienmärkten hat dann die Kapitalbasis der Versicherer deutlich geschmälert", sagt Harris. Hinzu kommen weltweit hohe Zahlungen für Terror- und Asbestschäden. Die Investoren reagieren geschockt: Allianz und Münchener Rück verloren in den vergangenen zwölf Monaten rund 60 Prozent ihres Börsenwertes.

Ökonom Posen bezweifelt, dass die Kritik an der deutschen Wirtschaft allein von Skeptikern im angelsächsischen Raum kommt, die dem deutschen Modell ohnehin kritisch gegenüberstehen. "Man sollte die Enttäuschung über die deutsche Wirtschaft nicht unterschätzen", sagt er. Auch innerhalb Europas und Deutschlands würden sich die Anleger stärker von deutschen als von anderen Aktien abwenden. Eine Panik unter den Investoren sieht er aber nicht.

Unter den ausländischen Volkswirten wachse allerdings die Sorge, dass Deutschland nicht mehr in der Lage sei, finanzielle oder konjunkturelle Schocks wegzustecken, sagt Posen. Selbst bei der US-Notenbank traut man inzwischen den Franzosen mehr Reformen zu als den Deutschen. Als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde hat Deutschland große Bedeutung für den Rest der Welt. "Wenn Japan wegen eigener Probleme ausfällt und die US-Wirtschaft nicht mehr so stark wächst, ist eine dauerhafte Schwäche Deutschlands viel gefährlicher", sagt Posen.

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