Konjunktureller Tiefpunkt scheint erreicht
Kommentar: Hoffnungswert

Die Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) lehnen sich weit aus dem Fenster. Andere Volkswirte - in den Banken oder beim DIW Berlin - kündigen nochmalige Revisionen ihrer Konjunkturprognosen an und sehen bei der deutschen Wachstumsrate auch 2002 eine Null vor dem Komma.

Das IfW dagegen revidiert gegenüber dem Herbstgutachten so gut wie nicht und erwartet ein Wachstum von 1,2 Prozent. Derzeit mag man in solcher Beständigkeit schon fast per se ein Zeichen dafür sehen, dass die Talsohle nun erreicht ist. Bemerkenswert ist dabei: Das Institut rechnet schon für das Frühjahr mit einer Wachstumsrate über dem Potenzialwachstum. Dieses wird für Deutschland auf knapp zwei Prozent geschätzt. Sollte die Kieler Prognose zutreffen, wäre die Debatte darüber schnell vergessen, ob wir uns derzeit in der Rezession befinden oder nicht.

Ist das nun unangebrachter Optimismus? Stimmt das IfW also in den Chor derjenigen ein, die - wie die Bundesregierung - die Konjunktur vor allem mit guter Laune aus dem Keller reden wollen? Unbestreitbar ist jedenfalls, dass fast alle vorliegenden Frühindikatoren für Deutschland - noch - nicht signalisieren, die Wende stehe unmittelbar bevor. Die Auftrags- und Produktionsdaten fielen zuletzt schlechter aus als erwartet, Ifo-Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen sind unverändert auf Talfahrt. Und der Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator signalisiert, dass gerade Deutschland einer schnellen Erholung in der Euro-Zone im Weg steht.

Wachstumsprognosen sind in Zeiten konjunktureller Wendepunkte besonders schwierig. Deshalb ist das Kieler Szenario nicht mehr als ein Hoffnungswert. Es macht plausibel, dass eine rasche Konjunkturwende unter günstigen Bedingungen möglich ist. Eintreten wird sie aber nur, wenn sich die Kieler Annahmen erfüllen. Die Annahme niedrig bleibender Rohstoffpreise scheint da noch am unproblematischsten zu sein. Mindestens drei Annahmen sind aber zu hinterfragen.

Erstens: Das IfW erwartet eine schnelle Aufhellung bei den Stimmungsindikatoren. Es setzt darauf, dass sich der Schock nach den Terroranschlägen vom 11. September allmählich löst - und dass mit einem verbesserten Geschäftsklima die in den vergangenen Monaten zurückgestellten Investitionen rasch nachgeholt werden. Richtig ist, dass das Geschäftsklima in der Vergangenheit nach Krisensituationen oft genauso schnell gestiegen ist, wie es zuvor gefallen war. Richtig ist auch, dass die jüngste Entwicklung in Afghanistan eine Stimmungsverbesserung begünstigen dürfte. Zudem wird das IfW durch den deutlichen Anstieg der ZEW-Konjunkturerwartungen auf den höchsten Stand seit September 2000 bestätigt. Dennoch: Bevor sich nicht zumindest bei der Erwartungskomponente des Ifo- Geschäftsklimas eine Trendwende vollzieht, bleibt unsicher, ob der konjunkturelle Tiefpunkt wirklich erreicht ist.

Zweitens: Das IfW erwartet eine spürbare Belebung der Weltkonjunktur in absehbarer Zeit. Darauf ist die exportabhängige deutsche Wirtschaft existenziell angewiesen. Ob die Belebung schnell eintritt, hängt fast allein von der US-Konjunktur ab. Immerhin lassen einige Frühindikatoren vorsichtigen Optimismus zu. Wann genau die US-Wirtschaft wieder richtig Fahrt aufnimmt, ist aber offen.

Drittens: Das IfW legt seiner Prognose Tarifabschlüsse von durchschnittlich 2,5 Prozent im kommenden Jahr zu Grunde. Diese Annahme ist angesichts der völlig überhöhten Lohnforderung der IG Metall - vorsichtig ausgedrückt - mutig. Man sollte sie als Warnsignal verstehen: Eine Konjunkturbelebung scheint jetzt möglich, falsche Tarifpolitik könnte sie aber verzögern oder gar verhindern.

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