Konjunkturflaute erhöhte Spielraum
Niedrigere Zinsen sorgen für niedrigere Börsenkurse

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag vor dem Hintergrund der schwachen Konjunktur bei nachlassendem Inflationsdruck zum zweiten Mal in diesem Jahr die Leitzinsen gesenkt.

rtr FRANKFURT. Der Schlüsselzins sei um 25 Basispunkte auf jetzt 4,25 % reduziert worden, teilte die EZB in Frankfurt am Donnerstag im Anschluss an ihre erste Ratssitzung nach der Sommerpause mit. Analysten hatten überwiegend mit diesem Zinsschritt gerechnet.

Die deutschen Standardaktien drehten nach der Zinssenkung in die Verlustzone gedreht. Der Deutsche Aktienindex (Dax) gab nach dem Entscheid 1,1 Prozent auf 5246 Punkte nach, nachdem er zuvor noch nahezu unverändert auf Vortagesniveau notiert hatte. "Einige Leute hatten wohl ein bisschen mehr erwartet", sagte ein Händler und verwies auf Marktteilnehmer, die auf eine Reduzierung der Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt spekuliert hätten. Deutlicher ins Minus rutschten dabei die Technologiewerte, die bereits zuvor von Nachrichten einiger US-Firmen belastet wurden.

Am Neuen Markt weiteten die Wachstumswerte ihre Verluste aus. Der Blue-Chip-Index Nemax 50 verbuchte einen Abschlag von rund vier Prozent auf 1033 Zähler. Vor Bekanntgabe der Zinssenkung hatte der Index um rund zwei Prozent schwächer notiert.

Marktteilnehmer zeigten sich von dem Entscheid der EZB, den maßgeblichen Mindestbietungssatz beim Zinstender um 25 Basispunkte auf nun 4,25 Prozent zu reduzieren, enttäuscht, sagte ein Händler. Ein anderer Börsianer sagte, die Erwartung einer Senkung um 25 Basispunkte sei äußerst neutral gewesen. "Ein halber Prozentpunkt wäre ein wirkliche Überraschung gewesen." Die Zentralbanker begründeten den Zinsschritt mit der schwachen konjunkturellen Lage.

Volkswirte hatten den Schritt erwartet

Volkswirte hatten überwiegend die Senkung der Leitzinsen um 25 Basispunkte erwartet. Die jüngsten Konjunkturdaten aus der Euro-Zone hatten nach ihrer Einschätzung den Spielraum der EZB für eine Zinssenkung vergrößert. Einem nachlassenden Inflationsdruck steht derzeit eine anhaltende konjunkturelle Schwäche gegenüber. Jörg Krämer von Invesco Asset Management in Frankfurt sagte: "Die EZB hat sich letztendlich den Fundamentaldaten gebeugt, sprich dem schwachen Wachstum und rückläufiger Inflation Tribut gezollt."

Die Inflationsrate im Währungsgebiet ging im Juli auf 2,8 % zurück, nachdem sie im Juni 3,0 % und beim Höhepunkt im Mai 3,4 % betragen hatte. Die Daten zu den deutschen Großhandelsumsätzen bestätigten am Donnerstag mit einem Minus von 0,2 % zum Vorjahr und von 5,7 % zum Vormonat die schwächere Entwicklung der Konjunktur. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) hatte im zweiten Quartal stagniert.

RWI hält an Prognose fest

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hielt nach dem Zinsbeschluss an seiner Wachstumsprognose fest. Der Leiter der RWI-Forschungsgruppe Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Roland Döhren, sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Der Zinsschritt ist noch im Rahmen unserer Prognose." Das RWI rechne weiter mit einem Wirtschaftswachstum in Deutschland 2001 von 1,5 % und im nächsten Jahr von 2,1 %. Dagegen bezeichnete der Deutsche Industrie- und Handelskammertag die Zinsentscheidung angesichts des Geldmengenwachstums als verfrüht.

Besonders nach dem unerwartet hohen Wachstum der Geldmenge M3 von 6,4 % im Juli hatten einige Volkswirte allerdings prognostiziert, die EZB werde die Zinsen erst im September senken. Das Wachstum hatte damit deutlich über dem EZB-Referenzwert von 4,5 % gelegen. Am Donnerstagvormittag hatte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) wegen des beschleunigten M3-Wachstums von einer Zinssenkung abgeraten. Nach Angaben der EZB sind die M3-Daten allerdings durch Geldanlagen von Nicht-Ansässigen im Währungsgebiet statistisch nach oben verzerrt.

Wie den für die Refinanzierung der Geschäftsbanken in der Euro-Zone maßgeblichen Mindestbietungssatz beim Zinstender senkte die EZB auch den Zinskorridor für den Geldmarkt um einen viertel Prozentpunkt. Die Sätze dafür betragen nun 3,25 % für Übernachteinlagen der Banken bei der EZB (Einlagenfazilität) und 5,25 % für Übernachtkredite (Spitzenrefinanzierungsfazilität). Der neue Schlüsselzinssatz gilt nach Angaben der EZB erstmals für den nächsten Zinstender am 5. September 2001. Zuletzt hatte die EZB die Leitzinsen im Mai um einen viertel Prozentpunkt gesenkt.

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