Konjunkturflaute und Abhängigkeit von ausländischem Kapital bedrohen die US-Börsen
Die Kriegsrally ist schon vorbei

Mal rein theoretisch betrachtet: Angenommen, ein Land X gibt überraschend schlechte Zahlen zum Arbeitsmarkt bekannt. Ein paar Tage später droht der Präsident von X, in den nächsten Tagen einen feindlichen Staat anzugreifen.

NEW YORK. Er setzt sich damit über den Willen der meisten Mitglieder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hinweg. Dabei ist unser Land X finanziell völlig vom Ausland abhängig, weil es seinen riesigen Kapitalbedarf nur durch tägliche Milliardenzuflüsse von außen decken kann.

Wie reagieren die Finanzmärkte in X? Die Aktienkurse sprangen in die Höhe, und die Währung kletterte ebenfalls rasant. Nicht gerade das, was man auf Grund der Faktenlage erwartet hätte.

Doch bei X handelt es sich eben nicht um irgendein Land, sondern um die USA - die stärkste Macht, mit einem riesigen militärischen Vorsprung und der größten, dynamischsten Volkswirtschaft. Die Drohung von US-Präsident George W. Bush, militärisch gegen den Irak vorzugehen, wurde an der Börse mit extremen Kurssprüngen begrüßt. Der Dollar stoppte seinen Abwärtstrend und holte in wenigen Tagen die Verluste aus mehreren Monaten auf. Die Anleihemärkte brachen dagegen ein, nachdem konjunkturelle und politische Sorgen dieser als "sicherer Hafen" geltenden Anlageform zuvor geholfen hatten.

Die meisten Bankstrategen hatten eine Erholungsreaktion erwartet, sobald sich ein schneller, wenig blutiger Irakkrieg abzeichnet. Denn damit würde ein großer Risikofaktor wegfallen. Viele Investoren positionierten sich für die erwartete Erholungsbewegung - und lösten sie damit vorzeitig aus. Wer auf fallende Kurse spekuliert hatte, musste seine Positionen oft mit Verlust auflösen und trieb die Kurse dadurch zusätzlich an.

Wie geht es weiter? Langsam schwindet die Schubkraft, die am Montag die Börsen nach oben katapultierte. Und mittel- bis langfristig werden die ökonomischen Fundamentaldaten wieder stärker in den Vordergrund treten. Und da sieht es für die USA nicht gut aus. "Wenn es Brasilien wäre, würde dort niemand investieren", sagt David Bowers, Chefstratege der US-Investmentbank Merrill Lynch. Er sorgt sich vor allem um das Doppel-Defizit der Vereinigten Staaten beim Staatshaushalt und in der Außenwirtschaftsbilanz. Beides zusammen macht die Amerikaner besonders abhängig von Kapitalzuflüssen aus dem Ausland. Sollten die internationalen Investoren sich von den USA abwenden, dann droht ein erneuter Kursverfall an den Aktienmärkten, aber auch bei Staatsanleihen, über die das Haushaltsdefizit finanziert wird. Der Dollar würde von seinem jüngsten Höhenflug in einen Sturzflug wechseln.

Im Zusammenhang mit dem Irakkonflikt wird viel debattiert über die Risiken für die französischen und deutschen Exporte. Beide Länder, so die Sorge, könnten unter Boykotten leiden, weil sie sich gegen einen Irakkrieg stellten. Doch auch die USA sind verletzbar - durch ihre Abhängigkeit von Zahlungszuflüssen aus dem Ausland.

Während des High-Tech-Booms der 90er Jahre erschienen die USA als konkurrenzloser Investitionsstandort. Die Internetfirmen im Silicon Valley, die riesigen Produktivitätsgewinne, die rasant wachsende Wirtschaft - all das sprach für Amerika. Doch zuletzt ging die Zahl der Arbeitsplätze überraschend deutlich zurück. Die Zahl der Grundsteinlegungen im wichtigen Hausbausektor brach im vergangenen Monat ein. Und die US-Konjunktur verharrt in einer Schwächephase.

Hinzu kommen die politischen Risiken durch den Irakkonflikt. Vielleicht leisten die Iraker mehr Widerstand als erwartet. Militärstrategen erinnern sich mit Schrecken an die überraschende Zähigkeit der Serben während des Kosovokonflikts. Vielleicht brechen auch alte Konflikte im Vielvölkerstaat Irak auf - zwischen Kurden im Nordirak, der Türkei, den Schiiten und dem Nachbarn Iran. Vom Risiko neuer Terroranschläge in den Industrieländern ganz zu schweigen.

Fazit: Wer die jüngste Kursrally verpasst hat, sollte nicht mehr einsteigen. Und wer kräftig mitverdient hat, sollte darüber nachdenken, Gewinne mitzunehmen.

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