Konjunkturgipfel wohl im Herbst
Handelsblatt-Frühindikator gibt leicht nach – Ost-Barometer legt nochmals zu

Die Auftragseingänge bei der Industrie sind weiter steil nach oben gerichtet, trotz zuletzt etwas schwächerer Nachfrage aus dem Ausland. Entsprechend euphorisch beurteilen die Firmen derzeit ihre Geschäftslage. Steigende Zinsen und nachlassende Exportdynamik dürften aber allmählich für Abkühlung sorgen.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Frühindikator Tabelle und Grafik hat im Juli erstmals seit September 1999 wieder leicht nachgegeben. Er blieb aber mit 3,0 % (nach 3,1 % im Juni) auf hohem Niveau. Zudem waren die Vormonatswerte auf Grund revidierter Einzelhandelsumsätze nachträglich nach oben korrigiert worden. Mit Ausnahme der Zinsdifferenz haben sich alle in den Frühindikator eingehenden Einzelwerte zuletzt nochmals verbessert. Das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für Ostdeutschland Tabellen und Grafik hat sich nach dem sprunghaften Anstieg im Vormonat im Juli weiter von 3,7 % auf 3,8 % erhöht.

Insgesamt stehen die Zeichen damit günstig für einen Fortgang des Konjunkturaufschwungs, wobei die Dynamik aber allmählich abnehmen dürfte. Nach dem derzeitigen Indikatorstand dürfte der Konjunkturgipfel im Herbst erreicht werden. Vor allem die zuletzt stark gestiegenen Zinsen werden dann ihre bremsende Wirkung zeigen.

Gemessen am Ifo-Geschäftsklimaindex könnte die Lage des westdeutschen verarbeitenden Gewerbes derzeit kaum besser sein. Nach zwölfmonatigem Anstieg in Folge hat sich der Saldo der Einschätzungen im Mai nochmals deutlich von 16,7 auf 19,1 Punkte erhöht. Nicht nur die aktuelle Lage, auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate wurden erneut besser eingeschätzt als im Vormonat. Weiter nachgelassen hat allerdings der Optimismus hinsichtlich des Exportgeschäfts. Dies deckt sich mit der Einschätzung vieler Beobachter, dass der Boom in den USA allmählich ausläuft und der Eurokurs seinen Tiefflug wohl vorerst beendet hat.

Auch der aktuelle Auftragseingang aus dem Ausland zeigte zuletzt leichte Ermüdungserscheinungen. Während die Ost-Industrie im April noch einmal ein Plus von 7,3 % zum Vormonat verbuchen konnten, gab die Nachfrage nach westdeutschen Produkten mit-1,7 % erstmals in diesem Jahr leicht nach. Um so kräftiger hat sich dafür erneut die Inlandsnachfrage entwickelt. Sie bildet inzwischen ein zweites Standbein des Aufschwunges in beiden Teilen Deutschlands. Die Zuwachsraten von zuletzt 2,7 % im Westen und von 12,5 % im Osten unterstreichen dies deutlich, wobei jedoch die Dynamik in den neuen Ländern durch einen Großauftrag im Maschinenbau leicht überzeichnet wurde.

Die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze der vergangenen Monate sind in saisonbereinigter Berechnung nachträglich nach oben korrigiert worden. Nachdem auch der April nochmals einen leichten Zuwachs von 1,3 % gegenüber März brachte, ist die insgesamt eher trübe Bilanz seit Jahresbeginn zumindest ein bisschen aufpoliert worden. Zumindest im Westen vermitteln die aktuellen Ergebnisse des Ifo-Konjunkturtests das Bild einer allmählichen Wende zum Besseren. Der Saldo des Klimas ist nur noch leicht negativ, die Zukunft wird schon seit längerem wieder mehrheitlich positiv beurteilt.

Sehr viel diffuser ist die Lage des Einzelhandels derzeit im Osten. Das Ifo-Geschäftsklima entwickelte sich hier in den letzten Monaten recht sprunghaft mal in die eine, mal in die andere Richtung. Zuletzt hat es sich mit-19,7 nach-10,8 Punkten im Vormonat wieder deutlich eingetrübt. Anders als im Westen ist auch für die nähere Zukunft noch kein rechter Optimismus zu erkennen, wenngleich die Einschätzungen nicht mehr ganz so pessimistisch sind wie noch vor einem halben Jahr.

Wenig rosig ist nach wie vor die Lage in der Bauwirtschaft, und zwar in beiden Teilen Deutschlands. Wie schon seit vielen Monaten stagnierte auch im Mai das Ifo-Klima auf frostigem Niveau. Die Nachfrageentwicklung war während des letzten halben Jahres ziemlich trostlos und hat sich auch im April kaum aufgehellt. Einem saisonbereinigten Minus von gut 5 % in den neuen Ländern stand ein Plus von zumindest 1,7 % im Westen gegenüber. Insgesamt bedeutete dies nur Stagnation gegenüber dem Märzergebnis. Die Tendenz zeigt in allen Bausparten noch immer eher nach unten, und auch die Statistik der Baugenehmigungen gibt wenig Hoffnung für die nähere Zukunft.

Inzwischen kommt auch noch ein steigendes Zinsniveau als zusätzlich belastender Faktor hinzu. Der Dreimonatszins Euribor ist von April auf Mai um fast einen halben Prozentpunkt nach oben geschossen, was nach der deutlichen Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank auch kaum anders zu erwarten war. Mit 4,36 % nach 3,93 % erreichte der Euribor seinen höchsten Stand seit nahezu fünf Jahren. Gleichzeitig kletterte die durchschnittliche Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere von 5,3 % auf 5,5 %. Damit ermäßigte sich die Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinssätzen weiter um knapp drei Zehntel Prozentpunkte. Mit 1,1 Prozentpunkten ist sie inzwischen wieder auf ihr Niveau von vor gut einem Jahr geschrumpft, damals allerdings bei einem deutlich niedrigeren Zinsniveau.

Die jüngste Entwicklung gibt noch keinen Anlass zu Besorgnis, ist allerdings durchaus als ein erstes Warnsignal zu werten. Steigende Zinsen dämpfen tendenziell die Investitionsbereitschaft, zumal wenn sie mit einem nachlassenden Zinsvorsprung langfristiger gegenüber kurzfristigen Geldanlagen einhergehen. Zwar wird dieser Zusammenhang immer wieder durch andere Faktoren wie Kapazitätsauslastung und Nachfrageentwicklung überlagert. Trotzdem ist er für längere Zeiträume empirisch vielfach nachgewiesen worden. Auch der aktuelle Rückgang des Handelsblatt-Frühindikators hängt mit der negativen Entwicklung der Zinsdifferenz zusammen. Insgesamt ergibt sich daraus eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass die konjunkturelle Dynamik in absehbarer Zeit ihren Höhepunkt erreicht haben wird.

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