Konjunkturrückschlag im Osten
Investoren warten auf bessere Zeiten

Nicht der Export, sondern die lahmende Inlandsnachfrage ist Deutschlands Problem. Vor allem bei den Investitionen tut sich nichts, die Aufschwungseuphorie vom Jahresanfang ist weitgehend verflogen. Europas größte Volkswirtschaft ist weniger Opfer als vielmehr maßgeblicher Mitverursacher der aktuellen Konjunkturschwäche.

Zum dritten mal in Folge hat der Handelsblatt-Frühindikator im September weiter nachgegeben. Mit 1,2 % liegt er zwar noch immer am oberen Rand des aktuellen Prognosespektrums, zeigt dabei aber eine stark sinkende Tendenz. Noch im Juli hatte der Indikator bei 1,7 % gelegen, nicht zuletzt bedingt durch den zeitweilig geradezu überschäumenden Optimismus in der gesamtdeutschen Industrie. Inzwischen ist jedoch Ernüchterung bei den Unternehmen eingekehrt, der Positivsaldo der optimistischen Stimmen bei den ifo-Geschäftserwartungen ist auf nur noch gut ein Drittel seines Höchststandes vom Mai abgesackt. Dabei sind es offensichtlich weniger die Exportaussichten, die den Unternehmen Sorgen machen. Hauptproblem ist vielmehr die immer noch lahmende Inlandskonjunktur.

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Dies spiegelt sich auch in der aktuellen Auftragslage wider. Die Nachfrage aus dem Inland blieb im zweiten Quartal gesamtdeutsch unverändert auf ihrem Tiefstand vom ersten Vierteljahr. Die Nachfrage nach den konjunkturell besonders bedeutsamen Investitionsgütern ist sogar nochmals um 1 % zurückgegangen. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wonach die Ausrüstungsinvestitionen im zweiten Quartal um 8 % niedriger lagen als vor Jahresfrist. Offensichtlich haben die Investoren derzeit jedes Vertrauen in die weitere Entwicklung verloren und warten erst einmal ab.

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Dass es im zweiten Quartal überhaupt noch zu einem kleinen Auftragsplus für die deutsche Industrie gekommen ist, lag allein an der Auslandsnachfrage. Entgegen dem in der Öffentlichkeit manchmal vermittelten Eindruck ist der Export bisher weder durch die schwächere Weltkonjunktur noch durch den hohen Eurokurs wesentlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Im zweiten Quartal gingen vielmehr nochmals fast 5 % mehr Auslandsaufträge ein als im ersten Vierteljahr, bei den Investitionsgütern betrug das Plus ganz im Gegensatz zur innerdeutschen Entwicklung sogar fast 6 %. Somit ist Europas größte Volkswirtschaft offensichtlich weniger Opfer als vielmehr maßgeblicher Mitverursacher der aktuellen Konjunktursorgen in Euroland.

Das gilt auch für die private Konsumnachfrage, die im zweiten Quartal um 1,1 % unter Vorjahresniveau lagen. Die von den Gewerkschaften zur Rechtfertigung der diesjährigen Tarifrunde bemühte Kaufkrafttheorie der Löhne hat sich damit einmal mehr als reines Wunschdenken erwiesen. Außer weiterer Investitionszurückhaltung hat sie, wie nicht anders zu erwarten, nichts gebracht. Speziell im Einzelhandel will einfach keine Kauflust aufkommen. Trotz eines marginalen Umsatzzuwachses von 0,7 % gegenüber dem ersten Quartal blieb die Nachfrage noch um fast 3 % hinter dem ohnehin mageren Vorjahresergebnis zurück. Einzig Schuhe und Bekleidung waren zuletzt etwas stärker gefragt, vermutlich auch wegen des schlechten Sommerwetters. Langlebige Gebrauchsgüter und auch Kraftfahrzeuge lassen die Verbraucher dagegen nach wie vor links liegen.

Die Baunachfrage blieb im zweiten Quatal um gut 5 % hinter dem Vorquartalswert zurück, hauptsächlich wegen eines dramatischen Rückgangs im Nichtwohnungsbau um fast 11 %. Dies ist ein weiterer Beleg für die Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft, während im Wohnungsbau, sonst meist das Sorgenkind der Branche, sogar ein Plus von gut 3 % erzielt werden konnte. Die Baukrise beschränkt sich längst nicht mehr auf den Osten, sondern hat auch die westdeutschen Unternehmen inzwischen voll erreicht. Im zweiten Quartal war der Auftragsrückgang im Westen mit 5,4 % sogar größer als im Osten (-4 %).

Die Situation in den Neuen Bundesländer war zuletzt durch einen regelrechten Konjunkturrückschlag gekennzeichnet. Neben dem Auftragsminus und einer weiterhin rückläufigen Produktion im Bauhauptgewerbe haben auch die Orders im Verarbeitenden Gewerbe im zweiten Quartal stark nachgegeben, nämlich um 12,6 %. Das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für die Neuen Länder ist denn auch schlagartig von 0,6 % im Vormonat auf 0 % im September gesunken.

Das gesamtdeutsche Bruttoinlandsprodukt ist in gleitender Jahresrate im zweiten Quartal ebenso wie im ersten Vierteljahr um 0,1 % geschrumpft. Nachdem der Prognosewert des Handelsblatt-Frühindikators im ersten Quartal noch punktgenau eingetroffen war, hat er diesmal selbst mit der bescheidenen Vorhersage von 0,6 % noch deutlich zu hoch gelegen. Hauptursache dafür waren die der tatsächlichen Entwicklung weit vorausgeeilten ifo-Geschäftserwartungen, die mit gut 40 % Gewicht in den Indikator eingehen. Auch der aktuelle Indikatorstand von 1,2 % muss als eher optimistisch eingestuft werden, was das Gesamtjahreswachstum betrifft. Zwar sollte nicht übersehen werden, dass erst für die Hälfte des Jahres harte Daten wie Auftragseingänge und Produktionsziffern bekannt sind und insoweit noch einiges passieren kann. Nach Lage der Dinge wird man gleichwohl schon froh sein können, wenn am Jahresende noch ein Wachstum von 1 % erreicht werden kann.

Zu den aktuellen Einzeldaten:

- Die Auftragseingänge im gesamtdeutschen Verarbeitenden Gewerbe sind im Juni um 3,3 % gesunken, wobei allerdings der Vormonatswert durch Großaufträge aus dem Ausland nach oben verzerrt war. Dadurch ist auch zu erklären, daß die Auslandsnachfrage aktuell um 7,4 % gesunken ist. Die Inlandsnachfrage konnte ausgehend von niedrigem Niveau leicht um 0,6% zulegen.

- Das Ordervolumen im Bauhauptgewerbe nahm im Juni gesamtdeutsch um 5,1 % zu, blieb damit aber noch immer um 5% unter dem Durchschnittsniveau des ersten Quartals. Der aktuelle Anstieg wurde ausschließlich im Westen erwirtschaftet (+8,3 %), im Osten ging es mit - 4,6 % weiter bergab.

- Die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze gaben im Juni um weitere 1,7 % nach und sanken damit auf den tiefsten Stand seit April 1999. Höhere Umsätze gab es zuletzt nur bei Schuhen, Bekleidung und Lederwaren mit einem Zuwachs von 9,8 % gegenüber Mai.

- Die ifo-Geschäftserwartungen im gesamtdeutschen verarbeitenden Gewerbe sanken im August von 7,6 auf 5,7 Saldopunkte und damit bis auf fast ein Drittel ihres Höchststandes vom Mai (15,7 Punkte). Auch die aktuelle Geschäftslage hat sich zuletzt weiter von-22,9 auf-25,4 Punkte verschlechtert.

- Bei den Zinsen hält die Senkungstendenz weiter an: Der Dreimonatszins Euribor sank im August von 3,41 auf (vorläufig berechnete) 3,34 %. Die Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere gab im gleichen Zeitraum von 4,8 % auf 4,5 % beschleunigt nach. Bei der derzeitigen Inflationsrate von 1 % im August laut vorläufiger Berechnung des Statistischen Bundesamtes liegt der rechnerische Realzins von 3,5 % damit auf langfristig durchaus normalem Niveau.

- Die in das Konjunkturbarometer Ost eingehende Produktion des ostdeutschen Bauhauptgewerbes blieb im Juni auf fast unverändert niedrigem Niveau von 57,8 %. Damit hat sie im zweiten Quartal ihr Niveau vom ersten Vierteljahr um nochmals knapp 8 % unterschritten.

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