Konjunkturzyklen haben in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ihr Gesicht massiv verändert
Das Wachstumstempo hat sich verlangsamt

Im sechsten Jahrzehnt seit Bestehen der Bundesrepublik und im zweiten seit der deutschen Einheit lässt die Konjunktur hier zu Lande Dynamik vermissen. Und Besserung ist nicht in Sicht. Das Wachstumstempo hat sich schon davor deutlich verlangsamt. Von 1992 bis 2001 wuchs die deutsche Wirtschaft durchschnittlich nur um weniger als 1,5 % pro Jahr.

DÜSSELDORF. Dies ist der niedrigste Anstieg seit Gründung der Bundesrepublik. Von 1981 bis 1989 waren es immerhin noch 1,9 %. Doch auch diese Rate ist weit vom Mittel der sechziger Jahre (4,5 %) entfernt. Sie reicht auch nicht an die siebziger Jahre (2,8 %) heran, die immerhin vom ersten Ölpreisschock und hoher Inflation gekennzeichnet waren.

Längst vorbei sind auch die Zeiten, als die deutsche Wirtschaft nach einer Rezession sofort kräftig expandierte. 1968 und 1976 war dies mit einem Wachstum von 5,5 % bzw. 5 % noch der Fall. Nach 1982, dem dritten Rezessionsjahr seit 1951 mit schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Gesamtjahr, landete das Land bereits auf einem flacheren Wachstumspfad. Jedoch kam es in den achtziger Jahren - abgesehen von einer kleinen Delle 1987 - nicht zu größeren Schwankungen im Konjunkturzyklus.

Einen kurzen, kräftigen Boom mit Wachstumsraten von mehr als 5% erlebte Westdeutschland dann nach der Vereinigung 1990 und 1991. Der Nachholbedarf in den neuen Ländern bescherte den Deutschen eine lebhafte Binnenkonjunktur. Ausfälle in der Auslandsnachfrage wurden vorübergehend ausgeglichen. Daher überrollte die nächste weltweite Rezessionswelle Deutschland nur verspätet und kurz: 1993. Und wegen des Booms in den neuen Ländern fiel der BIP-Rückgang mit 1,1 % relativ glimpflich aus. In den neuen Ländern (ohne Berlin) gab es ein Wachstum von 11,9 %, der Westen schrumpfte dagegen um 2,3 % (einschließlich Berlin) - so stark wie noch nie seit 1949. Danach verzeichnete der Osten aber nur noch einmal, 1994, ein zweistelliges Wachstum. Ab 1997 waren die Anstiege in der neuen Länder maximal nur noch so hoch wie im Westen, meist sogar niedriger.

Der Aufholprozess legt bis heute ein Pause ein. Schlimmer noch, die Kluft zwischen West und Ost wird wieder größer. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler sehen den Hauptgrund in der zu raschen Lohnanpassung, mit der die Produktivitätsentwicklung nicht schritt halten kann. Hinzu kommen Verzögerungen im Strukturwandel und die Anpassungskrise der Bauwirtschaft, die im Zuge der Einheit entstandene Überkapazitäten abbauen muss. Die Rezession am Bau hat in den vergangenen Jahren wichtige Wachstumspunkte gekostet.

Zudem hat es die Politik nach Ansicht der meisten Experten versäumt, Strukturreformen vor allem am Arbeitsmarkt sowie in den sozialen Sicherungssystemen frühzeitig einzuleiten. Das Jahr 2000, in dem das BIP gesamtdeutsch um 2,9 % stieg, verdeckt, dass Deutschland nicht mehr in der Lage ist, aus eigener Kraft solche Raten zu erreichen. 2001 und 2002 haben dies verdeutlicht: Mit 0,6 und 0,2 % wurden die niedrigsten Raten seit 1992 erreicht. 2002 ist es nur einem neuen Rekordüberschuss im Außenhandel zu verdanken, dass es nach neun Jahren nicht zur fünften Rezession kommt.

In früheren Konjunkturzyklen haben kräftige Exportzuwachsraten über Multiplikatoreffekte auch die Binnenkräfte stimuliert. Doch dieses Muster gilt etwa nach Ansicht des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle nicht mehr. Grund: Die Einnahmeerhöhungen, die sich der Staat über höhere Steuern und Sozialabgaben 2003 verschafft, entziehen massiv Einkommen. Dies belastet Investitionen und den privaten Konsum. Folge: Die deutsche Wirtschaft hat an einer weltwirtschaftlichen Erholung nicht so stark teil wie früher.

Das durchschnittliche Wachstum droht nochmals kleiner zu werden. Da tröstet wenig, dass sich der Anstieg der Verbraucherpreise in engen Grenzen hält und selbst massive Ölpreiserhöhungen wie 2000 und 2001 nicht mehr zu so hohen Inflationsausschlägen führten wie noch in den siebziger und achtziger Jahren.

Quelle: Handelsblatt

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