Konkurrenz der Sparkassen und hohe Kosten
Deutschlands Banken tragen rote Laterne

Schon ein flüchtiger Blick über die Grenzen hinweg dürfte die Chefs der deutschen Großbanken vor Neid erblassen lassen. Der Grund: Die europäische Konkurrenz meistert Börsen- und Konjunkturflaute zumeist besser als die von herben Ertragseinbrüchen geplagte heimische Finanzwelt. Im vergangenen Jahr konnten sich Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank nur mit Mühe in der Gewinnzone halten. Im letzten Quartal rutschten sie sogar in die roten Zahlen.

FRANKFURT/M. Wer nun glaubt, solche Ergebnisse seien Folge einer zeitlich begrenzten, singulären Krise, liegt falsch. 2001 war zwar ein besonders heikles Jahr, aber die Lücke zum Ausland klafft schon seit langem. Hinsichtlich Effizienz und Bewertung durch die Kapitalmärkte seien die vier großen heimischen Banken in Europa die Schlusslichter, stellt die Beratungsgesellschaft Accenture bei einem Vergleich von 15 großen Banken des Kontinents fest: "Die deutschen Banken arbeiten ineffizient, zu teuer und vernichten systematisch Wert".

Die Gründe der Misere sind vielfältig. Die Banken selbst verweisen gerne auf die "unfaire" Konkurrenz durch die von der öffentlichen Hand subventionierten Sparkassen. Auch nach Ansicht von Dieter Hein, Bankexperte bei der Credit Lyonnais, ist die Konkurrenz der Sparkassen ein gravierender Nachteil. Der zweite große Pferdefuß sei das inflexible Arbeitsrecht: In Krisenzeiten könnten die Banken die Kosten nicht schnell genug senken. Heins düstere Prognose: "Solange diese Strukturprobleme nicht gelöst werden, können die deutschen Banken nie so profitabel sein wie die europäischen".

Doch das ist nur ein Teil der Ursache für die Misere. Auch Spaniens Banken beispielsweise kämpfen mit einem rigiden Arbeitsrecht und mächtigen Sparkassen - dennoch gehören die drei großen Banken der iberischen Halbinsel, Banco Santander, Bilbao Vizcaya Argentaria und Banco Popular, zu den rentabelsten ihrer Zunft in Europa.

Ein Gutteil der deutschen Probleme - da sind sich die Experten einig - ist hausgemacht. Die Branche leidet unter hohen Kosten und strategischen Schwächen, alles Mängel, die lange Zeit übertüncht wurden. Ende der neunziger Jahre verhalf der Börsenboom den Banken zu horrenden Einnahmen. Korrekturen auf der Kostenseite jedoch unterblieben.

Ausländische Experten wie Lars Lundquist, Deutschland-Chef der schwedischen Großbank SEB, verweisen zudem auf die Sonderkonjunktur Anfang der Dekade. Während die deutschen Banken wie die gesamte Wirtschaft von der Wiedervereinigung profitierten, durchlitten ausländische Banken schwere Zeiten. Sie reagierten mit harten Sparschritten und sind heute gut aufgestellt. "Manchmal wirkt sich eine Krise eben langfristig positiv aus", sagt Lundquist, der vor allem die hohe Bankendichte moniert. Während in Deutschland auf eine Filiale 1 600 Kunden kommen, seien es in Schweden mehrere Tausend. Umgekehrt ist der Marktanteil der hiesigen Banken zu klein. Während in Spanien, Skandinavien oder England die Banken reihenweise fusionierten, glückte in Deutschland nur die bayerische Fusion zur Hypo-Vereinsbank (HVB).

Nun wollen Deutsche Bank-Chef Rolf-E. Breuer und seine Kollegen von der Konkurrenz mit massivem Stellenabbau gegensteuern. 30 000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, davon 17 000 im Inland. Zudem drücken sie die Risikokosten, indem sie die Kreditvergabe restriktiver handhaben - vor allem der Mittelstand spürt die neue Zurückhaltung der Banken. Doch der Dreh an der Kostenschraube kommt nicht nur spät, er greift auch zu kurz. "Wenn die Banken ihr Geschäftsmodell nicht anpassen, nutzen auch Kostensenkungen nichts", meint Norbert Linn, Partner von Accenture.

Doch bei der Strategie hapert es noch. Statt sich auf ausgewählte Geschäftsfelder zu spezialisieren, versuchten sich die Branchenführer in allen Sparten des Bankgeschäfts. "Die Banken wollten zu lange auf allen Hochzeiten tanzen", moniert ein Frankfurter Banken-Analyst. Vor allem der Commerzbank fällt die Suche nach der richtigen Strategie sichtbar schwer. Das Geldinstitut ist zu klein, um als Universalbank allein bestehen zu können. Und zur Alternative, sich als Nischenspieler auf wenige Felder zu fokussieren, konnte sich die Bank bislang nicht durchringen. Ähnliches galt für die Dresdner Bank, bis sie unter das Dach der Allianz kam.

Dagegen reagierten die Deutsche Bank und die HVB nach Ansicht von Analyst Hein auf die Probleme in Deutschland mit einer Expansion im Ausland. Der Branchenprimus ist auf dem Weg zu einer globalen Investmentbank. Die HVB strebt nach Österreich und Osteuropa. Doch auch hier läuft nicht alles rund: Die HVB hat Probleme bei der Integration der österreichischen Tochter Bank Austria und bei der Deutschen steht die Zukunft des Massengeschäfts der Bank 24 in den Sternen. Denn dieser Zweig passt nicht zu den Ambitionen der Bank, sich endgültig unter den weltweit führenden Investmentbanken zu etablieren.

Bei der stringenten Ausrichtung sind ausländische Finanzriesen weiter. Spaniens Großbanken etwa fokussieren sich ganz auf das Massengeschäft (Retail) und Lateinamerika. Die Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse setzen auf Investmentbanking und das Geschäft mit den wohlhabenden Menschen (Privat Banking). Ob diese klare Fokussierung der Stein der Weisen ist, wird sich zeigen. Derzeit aber honoriert die Börse klare Konzepte: Gemessen am Börsenwert rangieren die Deutschen in Europa nur unter ferner liefen. Die Folge: Nicht einmal die Deutsche Bank kann sich vor einer feindlichen Übernahme sicher fühlen.



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