Konkurrenz der Supermächte
Psychospiele auf dem Schwebebalken

In keinem Wettbewerb offenbart sich die Konkurrenz zwischen den beiden Supermächten China und USA deutlicher als im Team-Turnen der Frauen. Die turnverrückten Chinesen fordern von ihrer Mannschaft olympisches Gold - und schrecken nicht davor zurück, die US-amerikanische Konkurrenz psychisch unter Druck zu setzen.

BERLIN. "Kerri, wir brauchen dich. Noch ein allerletztes Mal. Für Gold!" Verzweifelt hockt Bela Karolyi, Cheftrainer der US-Turnerinnenriege, vor seiner kindhaften Athletin. Noch ein gestandener Sprung und die USA hätten Gold sicher. Zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele. Nur hat sich Kerri Strug bei ihrem vorletzten Pferdsprung den Fuß verdreht. Eigentlich gehörte sie ins Krankenhaus. Doch sie läuft noch einmal an, springt - und steht. Dann sinkt sie mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Matte.

An jenem 24. Juli 1996 wurde Kerri zu einer amerikanischen Sportikone. Als der Rumäne Bela Karolyi, der einst seines Landsfrau Nadia Comaneci zur besten Turnerin aller Zeiten gemacht hatte, nach dem Wettkampf Kerri mit verbundenem Fuß zur Siegerehrung trägt, verspricht er der 18-Jährigen: "nicht mal die New York Metropolitan Police holt dich hier wieder raus". Dies Spiele von Atlanta hatten ihren dramatischen Höhepunkt gefunden - und die Amerikaner einen neuen Lieblingssport.

Zwölf Jahre oder zwei Olympische Spiele ist der Erfolg der "Glorreichen Sieben" um Kerri Strug nun her. Doch die Wettkämpfe der amerikanischen Turnfrauen werden in der Heimat immer noch von beispielloser Hysterie begleitet. In Peking, das zeigten die Wettkämpfe der letzten Jahre, zeichnet sich nun ein Zweikampf mit China ab. Denn die turnverrückten Chinesen fordern von ihrer Frauenmannschaft endlich olympisches Gold. Deshalb setzen sie seit mehreren Tagen die Konkurrenten psychisch unter Druck.

Im "am sehnlichst erwarteteten Aufeinandertreffen beider Nationen bei diesen Spielen", wie es das US-Magazin Sports Illustrated formuliert, wird geklappert wie vor einem Boxkampf. "Alle vier Geräte zusammen genommen sind wir mindestens so gut wie sie", stänkerte Chinas Trainer Lu Shanzhen nach seinem Besuch bei den US-Olympia-Trials im Mai. "In den Einzelwettkämpfen sind wir sogar stärker."

Nach dem "Waterloo von Athen", wo die chinesischen Turnerinnen lediglich eine Bronzemedaille gewannen, wolle man die Nation nun mit gewonnenen Titeln versöhnen.

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