Konkurrenz von Kachelmann
Deutschem Wetterdienst bläst der Wind ins Gesicht

Unlängst zog eine Böenwalze über Brandenburg und Berlin - acht Menschen starben. Nun streiten Experten, ob der Deutsche Wetterdienst angemessen vor dem Orkan gewarnt hat.

HB BERLIN. Der Wind der Kritik bläst dem DWD seitdem kräftig ins Gesicht. Berlins Feuerwehrchef Albrecht Broemme kündigte eine Zusammenarbeit der Feuerwehr mit dem DWD- Konkurrenten Meteomedia von ARD-Wettermann Jörg Kachelmann an, um bei künftigen Stürmen die Bevölkerung besser informieren zu können. Auch an anderer Stelle hat Kachelmann derzeit die Nase vorn. Am Dienstag informierte das Fraunhofer für Software- und Systemtechnik-Institut (Berlin) über das Projekt WIND (Wetterinformation auf Anfrage). Zusammen mit Meteomedia wird 3000 Kunden der Versicherungskammer Bayern ein Unwetterwarnsystem zur Verfügung gestellt. Die Warnung soll zeitlich und örtlich viel präziser sein als die vom DWD. "Schließlich braucht der Kunde Unwetterwarnungen, die ihn tatsächlich betreffen - also nicht etwa solche aus dem Nachbar-Landkreis", sagt WIND-Projektleiter Ulrich Meissen.

"So tragisch die Ereignisse sind, von uns aus ist es praktisch optimal gelaufen", rechtfertigt Georg Kerath, Leiter der Potsdamer Niederlassung, die Arbeit des DWD. Um 15.28 Uhr kam am 10. Juli die offizielle Sturmwarnung: "Von Westen aufkommende starke Gewitter, Sturmböen um 28 m/s (Bft 10)" seien ab 18.00 Uhr zu erwarten. Bft steht für Beaufort und bedeutet schlicht Windstärke. Kachelmann spricht von einer 400 Kilometer breiten Wetterfront, die schon in Sachsen Windstärke 12 mit sich brachte. Das hätte man den Brandenburgern und Berlinern mitteilen müssen. "Das ganze Warnsystem in Deutschland ist grotesk." Broemme bemängelte, der Wetterdienst habe nicht vor einer heranziehenden Orkanfront mit Windstärke 12 gesprochen. "Ob Windstärke 10 oder 12 ist ziemlich unerheblich", meint hingegen DWD- Mitarbeiter Kerath. Bäume entwurzeln eben ab einer bestimmten Windstärke. Außerdem könne er ja keinen Wirt zwingen, seine Sonnenschirme reinzunehmen, schon gar nicht an einem ansonsten weitgehend windstillen, schwülen Tag.

Der Wetterkundler Horst Malberg von der Freien Universität Berlin springt Kerath bei. "Wetter hat keinen linearen Verlauf", erläutert er, "wo Orkanböen auftauchen, lässt sich kaum vorhersagen". Kachelmann geht zwar von einer stetig fortschreitenden Gewitterwand aus, doch tatsächlich belegten seine eigenen Messstationen stark unterschiedliche Windgeschwindigkeiten. Das würde für Keraths und Malbergs Argumente sprechen. Beobachter sind sich immerhin einig, dass die dürren Worte des DWD nicht gerade Aufmerksamkeit erregten. Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Kachelmann und dem DWD beschränkt sich nicht auf die Frage der besseren Wettervorhersagen. Kachelmann versucht auch, Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung von Wettererscheinungen in Deutschland zu nehmen. So will er den Begriff Windhose für einen Wirbelsturm aus dem Sprachgebrauch tilgen. Stattdessen müsse "Tornado" verwendet werden. Windhose sei verniedlichend und stamme als völkischer Begriff aus der Zeit der Nazi-Diktatur.

Solche Äußerungen lösen bei Meteorologen des DWD Kopfschütteln aus. Die Begriffe Wind- oder Wasserhose finden sich in Wörterbüchern der Meteorologie und wissenschaftlichen Standardwerken. Sogar in Kachelmanns Wetterlexikon auf der Internetseite der ARD stehen beide Begriffe nebeneinander. Tornados, heißt es dort weiter, kämen nur in den USA vor. Der Meteomedia-Mann sieht sich nach eigenen Angaben in einem "Existenzkampf" gegen den Deutschen Wetterdienst, der versuche, ihn mit Dumping-Preisen vom Markt zu drängen. DWD-Meteorologe Andreas Friedrich widerspricht: Der DWD müsse sich strikt an das DWD-Gesetz halten. Kachelmanns Feindbild auf seiner Homepage ist jedenfalls klar umrissen. Auf die dort prangende Frage, "was kann Ihnen gestohlen bleiben?", antwortete der Unternehmer: "Deutsche Wetterbeamte".

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