Konkurrenzdruck
Werberat kritisiert "pseudokreative" Kampagnen

Das Bonner Selbstkontrollorgan kritisiert, dass vor allem Dot.com-Firmen durch geschmacklose, gewaltverherrlichende und diskriminierende Werbung auffallen wollen.

dpa BERLIN. Entspannt räkelt sich ein nacktes Pärchen auf einer flauschigen Decke. In der Hand hält sie einen knackig-grünen Apfel, um ihre Brüste windet sich eine Schlange. Die Geschlechtsteile beider sind deutlich zu sehen. Für das Plakat, mit dem der Fernsehsender RTL II seine Serie "Expedition Robinson" bewarb, erteilte der Deutsche Werberat im vergangenen Jahr eine von drei öffentlichen Rügen. Es ist die schärfste Waffe im Kampf gegen geschmacklose, gewaltverherrlichende und diskriminierende Werbung. Mehr als 600 Menschen und Institutionen hatten sich bei dem Bonner Selbstkontrollorgan beschwert. Sie fanden das Plakat "schamlos und die Menschenwürde verletzend". Trotz einer Beanstandung des Werberats, der von Wirtschaft, Medien und Werbeagenturen getragen wird, warb der Sender weiter damit.

Wegen des harten Wettbewerbs in ihrer Branche griffen einige Medien- und Internetunternehmen auf besonders aggressive Werbung zurück, kritisierte der Vorsitzende des Werberats, Jürgen Schrader, am Dienstag in Berlin. Vor allem junge Dot.com-Firmen versuchten zunehmend, vor allem durch Gewaltdarstellungen aufzufallen und bekannt zu werden. Im vergangenen Jahr wurden 54 ihrer Werbemaßnahmen kritisiert - fast dreimal so viel wie ein Jahr zuvor.

"Aufsehen ist noch kein Ansehen"

So wurde nach dem Eingriff des Werberats der TV-Spot einer Internetplattform vom Bildschirm verbannt, der drei Männer ohne Arme und Beine zeigte. Auch die Nahaufnahme einer blutverschmierten Pistole, mit denen blutige Hände direkt auf den Betrachter der Anzeige für einen Börsengang zielten, wurde zurückgezogen. Mit solchen pseudokreativen Kampagnen verschlechtern die Firmen nach Einschätzung Schraders nur ihr Image und das ihrer Produkte - und verspielen so ihren Werbeetat. "Aufsehen ist noch kein Ansehen."

Der 1972 gegründete Werberat dient als Konfliktregler in Sachen Werbung. Rund 1140 Menschen und Institutionen beschwerten sich im vergangenen Jahr bei dem Bonner Gremium über 332 Werbungen. 1999 waren 253 Spots, Anzeigen und Plakaten auf rund 400 Beschwerden gestoßen. Ob die Spots, Anzeigen und Plakate mit Kunstpreisen ausgezeichnet wurden, spielt bei der Entscheidung des Werberats über eine Beanstandung keine Rolle.

Die meisten der Beschwerden waren für den Werberat jedoch unbegründet. Über mehr als 60 konnte das auf kommerzielle Werbung beschränkte Organ nicht entscheiden, weil es um Werbung in der Politik und im sozialen Bereich ging. Angesichts der "zum Teil außergewöhnlich primitiven Motive", die Parteien und soziale Organisationen in ihrer Werbung einsetzten, halte er es aber für sinnvoll, wenn sich für diesen Bereich ein ähnliches Kontrollorgan bilde, sagte Schrader. Als Beispiele nannte er das "Fahndungsplakat" der CDU mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, aber auch Plakate der SPD gegen Unionspolitiker.

Gut ein Drittel der kommerziellen Werbungen beanstandete das dreizehnköpfige Entscheidungsgremium des Werberats im vergangenen Jahr. 82 wurden daraufhin zurückgezogen, acht geändert und drei öffentlich gerügt. Eine der Rügen erhielt die zum italienischen Benetton-Konzern gehörende Bekleidungsfirma Sisley wegen eines Werbeplakats für Schuhe, das lediglich die Beine und das teilweise nackte Gesäß einer Frau zeigte. Die dritte Rüge ging an die Großhandelsfirma WM. Sie warb unter dem Titel "Unser Service macht Sie süchtig" in Anzeigen, auf denen sich eine junge nackte Frau eine Drogenspritze zu setzen schien.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%