Konkurrenzkampf entbrannt
Rudi wie Franz: Deutschland auf Spuren von 1986

Auf der Garten-Terrasse des Teamhotels "Paradise" blühten in fröhlicher Runde die Träume. In der Nacht nach dem geglückten Viertelfinal-Einzug genehmigten sich die deutschen WM- Spieler schon einmal ein paar Gläschen, doch ausgiebig feiern möchten sie am liebsten erst am 30. Juni. "Alle wollen nach Yokohama", formulierte Jens Jeremies die gewachsene Überzeugung, jetzt sogar den Sprung bis ins Weltmeisterschafts-Endspiel schaffen zu können.

dpa SEOGWIPO/SÜDKOREA. "Geträumt werden darf immer. Man muss als Fußballer auch Ziele heben", betonte Michael Ballack, der trotz Muskelverhärtung in der Wade auf die Zähne gebissen und 90 Minuten durchgehalten hatte.

Als die Achtelfinal-Hürde Paraguay mit viel Geduld, Mühe und Glück durch ein 1:0 aus dem Weg geräumt war, gab sich auch Kapitän Oliver Kahn kämpferisch: "Jetzt haben wir eine Riesenmöglichkeit, die wollen wir beim Schopf packen." Den kommenden Gegner Mexiko oder USA vor Augen, den Glauben an die eigenen Qualitäten im Kopf, dazu das Wissen um das bislang vorhandene Quäntchen Glück ließen auch die eher bescheidene Leistung gegen harmlose Paraguayer schnell vergessen. "Wir können jetzt auch bis ins Finale durchlaufen", meinte Kahn, der das Torgeschenk von Oliver Neuville zu seinem 33. Geburtstag genoss.

Der Reservist aus Leverkusen, der zuvor gefrustet schon ein Vier- Augen-Gespräch mit Völler gesucht hatte, brachte im "Cheju World Cup Stadium" von Seogwipo die deutsche Elf endgültig in die Spur von 1986. Wie vor 16 Jahren, als sich Franz Beckenbauer bei seiner ersten WM als Teamchef in Mexiko mit einer personell und spielerisch limitierten Mannschaft durch das Turnier quälte und erst im Endspiel von Argentinien (2:3) gestoppt wurde, verhilft auch "Glückskind" Rudi Völler dem Team zu einem fast unglaublichen Lauf. Und wie damals Lothar Matthäus entschied diesmal Neuville das Achtelfinale zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit für das DFB-Team.

"Rudi macht es besser als ich bei meiner ersten WM", verteilte Beckenbauer Lob an seinen Nachfolger. Völler gab nicht nur den späteren Matchwinner Neuville den Vorzug vor Carsten Jancker. Nach der ersten Hälfte korrigierte Völler auch seine Taktik, schickte mit Sebastian Kehl ein stabilisierendes Element ins Rennen, scheute auch klare Worte nicht: "Männer, wir sind hier nicht bei einem Freundschaftsspiel, wir sind bei einer Weltmeisterschaft", redete Völler in der Pause seinen Spielern ins Gewissen. "Wir haben in der ersten Halbzeit gar keinen Fußball gespielt."

Die katastrophale erste Spielhälfte ließ Völler ("Ich hätte mich über ein Ausscheiden schwarz geärgert") aber auch vor zu viel Euphorie warnen. Es gebe "keinen Wunschgegner" im Viertelfinale. Das 4:2 gegen die USA im März in Rostock sei nur ein Freundschaftsspiel gewesen. Und Mexiko hätte immerhin Mitfavorit Italien in der Vorrunde "klar beherrscht". Die Chancen würden immer 50:50 stehen, unterstrich der Weltmeister von 1990. "Das Halbfinale wäre noch das Tüpfelchen auf dem i." DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder bewertete das Erreichte schon vor dem Spiel am kommenden Freitag in Ulsan (13.30 MESZ) als positiv ein. "Das Ziel ist erreicht", verkündete der Präsident. Deutschland gehört zum 14. Mal zu den besten acht WM-Teams.

"Wenn man so ein Spiel gewinnt, ist man auf dem richtigen Weg", meinte Christoph Metzelder. Der Dortmunder zog sich Blessuren an beiden Sprunggelenken zu, sein Mitwirken im Viertelfinale ist fraglich. Auch der Berliner Rehmer, dessen WM-Kaltstart nach dreieinhalb Monaten Wettkampfpause daneben ging, lädierte sich wieder seinen operierten Knöchel. Dennoch hat Völler nach dem Sieg gegen Paraguay nun sogar größere personelle Alternativen als zuvor.

Denn nicht nur die im Achtelfinale gesperrten Dietmar Hamann, Christian Ziege und Carsten Ramelow stehen wieder zur Verfügung. Auch die Aushilfskräfte Kehl und Neuville meldeten mit ihren Leistungen Ansprüche an und eröffneten erstmals bei dieser WM den heißen Konkurrenzkampf im Team. Rehmer, auch Marco Bode, ja selbst der kampfstarke Jens Jeremies müssen wieder einen Platz auf der Ersatzbank fürchten. "Auf mich kann man bauen, wenn man mich bringt", verdeutlichte Kehl die neuen Ambitionen der Reservisten. "Warten wir mal ab, was der Trainer beim nächsten Spiel macht."

Völler vertraut zwar oft seinem Bauch, doch er beobachtet auch akribisch seine Kandidaten. Dem angeschlagenen Ballack blickte er vor dem Paraguay-Match "nur kurz in die Augen, da wusste ich, dass er will". Bei Neuville entschied die Schnelligkeit: "Dass er dann noch das entscheidende Tor macht, ist natürlich besonders schön", erläuterte Völler seine Entscheidung für Neuville und gegen Carsten Jancker. "Wir haben gewonnen und insofern alles richtig gemacht", fasste Kehl das Geschehen zusammen.

"Wenn man sieht, welche anderen Nationen schon im Urlaub sind, dann muss man den Hut ziehen vor Rudi Völler und der Mannschaft", erklärte Leverkuseners Manager und Völler-Intimus Reiner Calmund. Eine Final-Garantie aber war der Achtelfinal-Auftritt nicht. "Wir müssen noch mehr Fußball spielen. Wir müssen noch mehr kombinieren, noch kälter die Chancen verwerten", forderte Kahn.

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