Konsequenter Rückzug
Piëch nimmt bei VW Hand vom Lenkrad

Der Druck auf den VW-Chef Piëch verschwindet mit der Hauptversammlung am 16. April in Hamburg, doch damit wird die Frage nach der Rolle des "drucklosen" neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Piëch um so spannender. Nachfolger Bernd Pischetsrieder könne selbst die Nobelmarken Bentley und Bugatti wieder verkaufen, "wenn er es wollte und für richtig hält", meinte der 64-Jährige im Herbst. "Denn er ist dann der Chef."

dpa WOLFSBURG. Tatsächlich hat Piëch sich seit der Wahl seines Thronfolgers im September 2001 konsequent von der Konzernspitze zurück gezogen und Pischetsrieder die Führung überlassen, getreu seiner Erkenntnis: "Sobald der Nachfolger feststeht, ist der alte König tot, mausetot." Er selbst hatte als frisch gekrönter VW-König einen finanziell schwer angeschlagenen Konzern vorgefunden. "Als ich 1993 in Wolfsburg anfing, ging es ausschließlich darum, mit VW und den defizitären Marken Skoda und Seat zu überleben." In beiden Fällen gelang dem Österreicher die Wende, auch wenn die Ertragskraft der ausländischen Töchter selbst 2001 noch deutlich unter den gesetzten Zielen blieb.

Dabei setzte Piëch auf zwei Säulen: Mit Hilfe des von GM/Opel abgeworbenen Top-Managers Jose Ignacio Lopez senkte er die horrenden Produktionskosten dramatisch. Der neue Arbeitsvorstand Peter Hartz entwickelte gleichzeitig mit der IG Metall die Vier-Tage-Woche mit 28,8 Stunden als Grundstein für eine "atmende Fabrik". Dadurch wurde auch die Entlassung von 30 000 VW-Beschäftigten verhindert.

Doch mit "Kostenkiller" Lopez und seinen angeblich bei GM gestohlenen Geheimpapieren hatte sich Piëch ein Problem an Bord geholt, das neben seiner kompromisslosen Personalpolitik lange Zeit sein Bild in der Öffentlichkeit als "Techniker der Macht" und "Auto-Krieger" prägte. Dazu passt der Hinweis auf den mächtigen Ehrgeiz, als Nachkomme großer Männer selbst vor der Geschichte zu bestehen:

"Wenn ein talentierter, ehrgeiziger junger Mann auf dem Gebiet des Automobilbaus seinen eigenen Weg gehen und sich einen eigenen Namen machen will, gibt es sicher leichtere Startpositionen als die, den genialen Autokonstrukteur Ferdinand Porsche zum Großvater zu haben", sagte der scheidende VW-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Liesen kürzlich bei einer Ehrung Piëchs durch die Universität Hannover. "Dr. Piëch ist dieser großen Herausforderung gerecht geworden." Erneute Rekordergebnisse zum Abschied, aber auch technische Erfolge wie das Drei-Liter-Auto oder die Plattformstrategie stützen Liesens Urteil.

Sein Erfolg, mit der Autostadt Wolfsburg und der "Gläsernen Manufaktur" in Dresden dauerhaft und monumental in Stein und Glas manifestiert, hat Piëch zum Ende seiner Regentschaft milde gestimmt. Er wirkt auf Veranstaltungen gelöst, zeigt spontan trockenen Humor. Zum Erbe gehören aber auch zumindest fragwürdige Strategien wie der milliardenschwere VW-Einstieg in die Luxusklasse ("Phaeton") samt gekauften Marken Bentley und Lamborghini sowie der "Legende Bugatti".

Ins operative Geschäft werde er sich nicht einmischen, hat der kommende Aufsichtsrats-Chef versprochen. Doch ein Abschied vom Ziel Luxussparte fiele wohl in die Rubrik Strategie und Unternehmenskurs und damit durchaus in Aufsichtsrats-Zuständigkeiten. Und seine viel zitierte Segeltour um die Welt könne er ja auch in Etappen aufteilen, die die Teilnahme an Aufsichtsratssitzungen zuließen, hatte Piëch verschmitzt lächelnd angekündigt. "Kurspflege" könnte der "letzte Auto-Patriarch" ("Die Welt") also auch künftig nicht nur auf seinem Segelschiff betreiben.

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