Konsequenzen aus Interessenskonflikten ihrer Analysten
Merrill zahlt Analysten nach Treffsicherheit

Analysten von Merrill Lynch dürfen über Aktien künftig nur noch drei Urteile fällen: kaufen, halten oder verkaufen. Und das Gehalt der Wertpapierexperten soll sich nach der Güte ihrer Prognose richten.

NEW YORK. Die Investmentbank Merrill Lynch will als erste Wall-Street-Firma die Gehälter ihrer Analysten von der Treffsicherheit der abgegebenen Prognosen abhängig machen. Außerdem führt sie ein vereinfachtes Bewertungssystem für Aktien ein, das zu wesentlich mehr Verkaufs-Empfehlungen führen dürfte als bislang.

Nach einem Analysten-Skandal hatte das Ansehen der Bank schweren Schaden erlitten. Das Investmenthaus musste in einem Vergleich mit dem Staatsanwalt des Bundesstaates New York 100 Mill. ? zahlen. Merrill hatte mit New Yorks General-Staatsanwalt Eliot Spitzer ausgehandelt, die Analysten-Gehälter nicht mehr an das Investmentbanking-Geschäft zu koppeln.

Die Treffsicherheit der Analysten solle künftig ein wichtiges Gehaltskriterium unter mehreren sein, erläuterte Presse-Sprecherin Susan McCabe das neue System. Weiterhin zählten etwa auch die Qualität der Klienten-Betreuung oder die Gehälter der Konkurrenz. Auch wenn die Bezahlung der Analysten künftig vom Investmentbanking strikt abgekoppelt sei, bleibe die Bank jedoch bei ihrem Standpunkt, dass Analysten beim Investmentbanking eine wichtige Rolle spielten. "Die Analysten helfen bei Fusionen oder bei Börsengängen mit ihrer Fachkenntnis und bewerten die beteiligten Unternehmen", erläuterte McCabe.

Ursprünglich hatte Spitzer verlangt, die Research-Abteilungen vom Investmentbanking ganz zu trennen. Richard Wyle vom Berufsverband Investmentmanagement und Research meinte: "Das Entlohnungsmodell von Merrill Lynch ist ein wichtiger Schritt vorwärts. Wir hoffen, dass andere Banken dem Modell folgen werden."

Unabhängig von den Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft hat Merrill Lynch außerdem ein Aktienbewertungssystem eingeführt, bei dem es statt vier verschiedener Bewertungskriterien nur noch "kaufen", "halten" und "verkaufen" geben soll. Um zu vermeiden, dass Analysten eine Aktie mit dem Argument positiver langfristiger Perspektiven schönreden, werden außerdem künftig alle Analysen auf den Zeithorizont von einem Jahr beschränkt. Sobald zu erwarten ist, dass eine Aktie in den kommenden zwölf Monaten eine negative Rendite erzielt, werde sie auf die Verkaufsliste gesetzt, erläuterte McCabe. Eine Kauf-Empfehlung dagegen werden nur ausgesprochen, wenn eine Rendite von mehr als zehn Prozent zu erwarten sei. Marktstratege Charlie Crane von der Vermögensverwaltung Victory SBSF Capital Management ist der Meinung, dass dies sinnvoll sei. "Jetzt ist das System so einfach, wie es nur werden kann", sagte er.

Vor Merrill hatte bereits die Investmentbank Morgan Stanley ihr Rating-System umgestellt. Sie wählte die Kriterien "übergewichten", "neutral" und "untergewichten". Seither werden dort 22 % aller Aktien mit "untergewichten" bewertet. Bis dahin waren nur 2,7 % aller Wall-Street-Analystentipps Verkaufsempfehlungen gewesen, ermittelte der Finanz-Informationsdienst Thomson First Call. Bei Merrill Lynch steht in etwa 6 % aller Aktienbewertungen die Empfehlung zum Verkauf.

Merrill Lynch geriet Anfang April in die Schlagzeilen, als Staatanwalt Spitzer interne E-Mails aus der Internet-Research-Abteilung vorstellte. Danach hatten Analysten untereinander Aktien als "Ramsch" bezeichnet, während sie die Papiere offiziell noch zum Kauf empfohlen hatten. Dabei war vor allem der einst als Star-Analyst gefeierte Henry Blodget ins Zwielicht geraten. Er hatte schätzungsweise 10 Mill. $ pro Jahr verdient und seine Gehaltsforderung mit den von ihm eingeholten Investmentbanking-Aufträgen begründet.

Die Merrill-Aktie hat seit Bekannt-werden der E-Mails etwa 22 % verloren. Das entspricht einer Wertvernichtung von etwa 9 Mrd. $.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%