Konsequenzen des Erfurter Amoklaufes
Schärferes Waffengesetz wird gefordert

Nach dem Amoklauf von Erfurt werden zunehmend Forderungen nach einer weiteren Verschärfung des Waffenrechts und einer stärkeren Vermittlung von Werten an den Schulen lauter.

Reuters BERLIN. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) und auch die Grünen verlangten am Wochenende als Konsequenz aus dem Amoklauf mit 17 Toten eine Überprüfung des erst am Freitag vom Bundestag veränderten Waffengesetzes. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) sprach sich für eine Ächtung von Gewalt-Videos aus. Politiker und Kirchenvertreter verlangten zudem eine stärkere Vermittlung von Werten sowie eine Erziehung zur Gewaltfreiheit.

Am Freitag hatte der 19-jährige Robert Steinhäuser in dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet. Der ehemalige Schüler des Gymnasiums war Sportschütze und hatte für seine Waffen ordnungsgemäße Besitzkarten. Ebenfalls am Freitag hatte der Bundestag ohne Kenntnis des Amoklaufs ein neues Waffenrecht beschlossen, in dem die Bestimmungen für Sportschützen und Jäger gelockert, andere aber verschärft wurden.

"Waffengesetz noch einmal genau ansehen"

Vogel sagte der "Bild am Sonntag", zwar dürften Schützenvereine nicht unter Generalverdacht gestellt werden. "Aber sicher müssen wir das Waffengesetz unter dem Eindruck der schrecklichen Tat von Freitag noch einmal sehr genau ansehen." Vogel sagte, die Schützenvereine müssten der Gefahr widerstehen, "Mitglieder ungewollt zu hochgerüsteten Kämpfern auszubilden". Jetzt müsse darüber nachgedacht werden, "wie weit junge Menschen unkontrolliert Zugang zu Waffen und Munition haben dürfen - auch wenn sie Mitglieder von Schützenvereinen sind".

Überlegt werden müsse auch, wie die Sicherheit an den Schulen erhöht werden könne, sagte Vogel weiter. Allerdings könne man die Schulen nicht zu Festungen machen. "Eine eingemauerte Gesellschaft können wir nicht wollen", sagte er.

"Jede Schule braucht einen eigenen Psychologen"

Das Konfliktpotenzial an den Schulen stark gewachsenen, sagte Schily dem "Münchner Merkur". "Ich bin der Meinung, dass jede Schule einen eigenen Psychologen braucht." Ob bei der Vergabe der Waffenbesitzkarte an den 19-Jährigen ein Fehler begangen würde, könne noch nicht beurteilt werden. Schily warnte wie zuvor Vogel davor, die Schützenvereine unter Generalverdacht zu stellen. Die Vereine achteten sehr genau darauf, dass niemand an der Waffe ausgebildet werde, der nicht über die nötige Zuverlässigkeit verfüge. Die Forderung der Gewerkschaft der Polizei (GdP), den illegalen Besitz von Waffen als Verbrechen zu ahnden, werde keine abschreckende Wirkung haben.

"Amoklauf erschüttert Grundannahmen des Waffenrechtes"

Der rechtspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, bezeichnete die Forderung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) nach einer Verschärfung des Waffenrechts als berechtigt. Dies müsse ernsthaft geprüft werden. "Die Tragödie von Erfurt hat Grundannahmen , die Basis des bisherigen Waffenrechtes waren, erschüttert", erklärte Beck. "Man muss fragen: Soll man Jugendlichen und Heranwachsenden schon Waffen frei verfügbar in die Hand geben? Sind solche Mengen Munition, wie sie in der Schule gefunden wurden, alltäglich?"

Die Erleichterungen für Sportschützen in dem neu beschlossenen Waffengesetz ermöglichen es beispielsweise, dass Jugendliche bereits ab einem Alter von zehn Jahren statt bisher zwölf Jahren mit Druckluftwaffen schießen dürfen, mit scharfen Waffen dürfen sie ab 14 Jahren trainieren. Jeder Sportschütze über 18 Jahren darf unter anderem drei halbautomatische Gewehre besitzen. Das Bundesinnenministerium erklärte, es sei noch zu früh, um über eine mögliche Verschärfung des Waffenrechts nachzudenken. Zunächst müsse der Abschluss der Ermittlungen abgewartet werden.

Stoiber will Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele

Unions-Kanzlerkandidat Stoiber forderte ein Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele. Er sagte der Zeitung "Welt am Sonntag", die so genannten Killerspiele müssten verboten werden: "Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine größere Intoleranz gegenüber der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt." Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) forderte ein Verbot Gewalt verherrlichender Filme. Sie schrieb in einem Beitrag für die "Bild am Sonntag", zu lange sei ignoriert worden, dass Kinder und Jugendliche Gewaltdarstellungen nachahmten. Brutale, blutige und menschenverachtende Filme hätten in den Familien nichts mehr zu suchen. "Der Schund muss endlich verboten werden. Das ist nach Erfurt klar."

Der Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen, Uwe Wetter, erklärte, die Zunahme von Gewaltpräsentationen im Fernsehen und in Videos führe zu einer Konditionierung potenzieller Täter. Sie versuchten, die auf dem Bildschirm gesehene virtuelle Gewalt zu übertreffen.

"Mehr Werte vermitteln"

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner kritisierte im Fernsehsender Phoenix, jungen Menschen würden immer weniger Werte vermittelt. "Alles, was die Menschen früher getragen hat - sei es Familie oder aber Nachbarschaft und Verwandte - entschwindet immer mehr", sagte Meisner. Vielfach herrsche materialistisches Denken und eine Besorgnis erregende Oberflächlichkeit. Es stelle sich die Frage, warum der Täter "offenbar niemanden hatte, dem er sich offenbaren konnte".

CDU-Vizechef Christian Wulff forderte im Deutschlandradio Berlin, dass an Schulen verstärkt Grundwerte wie soziales Verhalten, Teamgeist und Solidarität vermittelt werden müssten. In den vergangenen Jahren hätten zu viele Diskussionen über Rechte, Ansprüche und Freiheiten in der Gesellschaft stattgefunden, statt über Pflichten und Verantwortung zu sprechen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%