Konsolidierung der Börsenlandschaft wird schwieriger
iX-Aus als Rückschlag für Finanzplatz Europa gewertet

Reuters FRANKFURT. Die seit langem angestrebte Harmonisierung der europäischen Finanzplätze ist Marktexperten zufolge nach dem Scheitern der deutsch-britischen "Superbörse" iX in weite Ferne gerückt.

Die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft werde nun immer schwieriger, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Gerke am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Auch der Chef des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Rüdiger von Rosen, sprach von einem Rückschlag, gab sich zugleich jedoch zuversichtlich, dass das Ziel eines harmonisierten europäischen Finanzmarktes noch erreicht werde. In Branchenkreisen wurde darüber spekuliert, welche Strategie die Deutsche Börse nach der geplatzen Ehe mit der London Stock Exchange (LSE) einschlagen wird.

Die LSE hatte am Dienstag den Fusionsplan mit der Deutschen Börse AG unter Beteiligung der Börsen von Mailand und Madrid zum größten europäischen Wertpapiermarkt iX ("International Exchange") aufgekündigt. Grund sei das feindliche Übernahmeangebot des schwedischen Börsenbetreibers OM Gruppen, auf dessen Abwehr sich die LSE zunächst konzentrieren wolle. OM hatte vor rund zwei Wochen mit einer 2,6 Mrd. DM teuren Offerte für die LSE den ohnehin umstrittenen Fusionsplan der Börsen Frankfurt und London durchkreuzt. Deutsche Börse und LSE hatten gemeinsam mit ihren Partnern Mailand und Madrid bis zuletzt die Vorzüge des iX-Plans und ihren unbedingten Willen zur Fusion bekräftigt. Die Deutsche Börse bedauerte am Dienstag in einer kurzen Erklärung die Absage aus London und kündigte an, nun "Handlungsalternativen" zu prüfen.

Der Nürnberger Börsen- und Bankenprofessor Gerke warf den europäischen Börsen vor, "leichtfertig" die Chance verspielt zu haben, eine gemeinsame Handelsplattform aufzubauen. Man könne nur hoffen, dass der Konkurrenzdruck der privaten Handelshäuser die traditionellen Börsen doch noch zusammenbringe, sagte er. Fürs erste stecke die angestrebte Harmonisierung der Börsen Europas in einer Sackgasse. Die Fusionsabsicht von London und Frankfurt war stets auch als Reaktion auf den Zusammenschluss der Börsen Paris, Amsterdam und Brüssel zum gemeinsamen Markt Euronext gewertet worden. Vor diesen beiden Fusionsprojekten hatten die acht größten europäischen Börsen versucht, eine gemeinsame Handelsplattform zu errichten, was jedoch scheiterte.

Gerkes Einschätzung zufolge hätten die einzelnen europäischen Märkte zunächst die Handelssysteme sowie die Regularien und Gesetze harmonisieren sollen, bevor sie Fusionen in Angriff nehmen. Statt dessen hätten London und Frankfurt mit dem Zusammenschluss versucht, "die erste und zweite Hürde auf einmal zu nehmen". Auch DAI-Chef von Rosen wertete das Scheitern der deutsch-britischen Börse als Rückschlag für einen gemeinsamen Finanzmarkt Europa. Allerdings sei das Aus für iX nicht das Ende der Konsolidierung, betonte er. Er glaube nicht, dass der Weg zu einer gemeinsamen europäischen Handelsplattform auf Dauer versperrt bleibe, und dass schon "sehr bald" neue Konzepte aufkämen. Von Rosen war der Vorgänger des derzeitigen Frankfurter Börsenchefs Werner Seifert. Seifert gilt als treibende Kraft hinter der iX-Idee, deren Realisierung allerdings bereits vor der LSE-Absage stark in Frage gestellt war. Vor allem regulatorische und juristische Hürden sowie standortpolitische Bedenken auf beiden Seiten gefährdeten das Fusionsprojekt.

Das Scheitern der iX-Pläne heizte am Mittwoch auch die Spekulationen um das weitere Vorgehen der Deutschen Börse an. Bereits in den vergangenen Wochen war mit der steigenden Unsicherheit über das Gelingen der iX-Pläne auch vermehrt Gerüchte über alternative Konzepte aufgekommen. Die Deutsche Börse prüft nach eigenen Angaben diese nun, wollte sie aber auf Anfrage nicht näher konkretisieren. "Jetzt kommt Euroboard wieder auf den Tisch, um Akquisitionswährung zu schaffen", orakelte am Mittwoch ein in die iX-Pläne eingeweihter Banker. Euroboard ist das ursprüngliche Konzept der Deutsche Börse AG, selbst an die Börse gehen zu wollen. "Ich glaube nicht, dass Seifert mit dem Scheitern gerechnet hat. Aber er muss nun etwas präsentieren, und da wäre es für ihn am einfachsten, das alte Konzept wieder hervorzuholen", sagte der Insider.

Als weitere Variante kursierte in Finanzmarktkreisen erneut die Möglichkeit, dass Frankfurt sich mit den Handelsplätzen Mailand, Madrid und Zürich zusammentun könnte. Das Zusammengehen der Deutsche Börse mit Euronext wurde dagegen als sehr unwahrscheinlich betrachtet, da die beiden Finanzplätze Frankfurt und Paris zu dominant seien. Gleiches gelte für die Kombination London/Paris, hieß es. Ein Übernahmeangebot der Frankfurter Börse für die LSE - möglicherweise unter Beteiligung von Mailand und Madrid - sei indes nur vorstellbar, wenn die Londoner dies wünschten. Eine feindliche Offerte aus Frankfurt hätte dagegen keine Chancen auf eine Annahme der LSE-Eigentümer.

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