Konsolidierung in der europäischen Finanzdienstleiter-Branche kommt langsamer voran als erwartet
Fusionswelle bei Banken lässt auf sich warten

Banker und Analysten halten wacker am Zwei-Phasen-Modell für die Konsolidierung im europäischen Bankensektor fest: erst nationale Fusionen, dann grenzüberschreitende. Doch obwohl der erste Abschnitt in vielen Ländern weit vorangekommen ist, will Phase zwei nicht recht ins Rollen kommen.

FRANKFURT/M. Was Bernd Fahrholz, Vorstands-Chef der Dresdner Bank, unlängst zu möglichen Zusammenschlüssen im europäischen Bankensektor gesagt hat, würden viele seiner Kollegen in der Branche wohl unterschreiben: "Irgendwann wird der Knoten platzen. Die Frage ist nicht mehr, ob die Konsolidierung kommt, sondern nur noch, wann und in welcher Intensität."

Während derzeit niemand eine Antwort auf diese Frage zu geben vermag und auch Fahrholz nur vage von drei bis fünf Jahren spricht, ist die gängige Theorie, die auch hinter seiner Aussage stehen dürfte, denkbar einfach und unstrittig: Erst konsolidieren sich die nationalen Bankenmärkte, was in vielen Ländern schon weitgehend geschehen ist. Dann folgen grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen in großem Stil, weil nationale Champions nur noch durch Cross-Border-Zusammenschlüsse wachsen können.

So richtig begonnen hat die zweite Phase, wenngleich lange erwartet, bisher nicht. "Noch fehlt die Initialzündung", erklärt Ansgar Zwick, der bei Merrill Lynch das Investment-Banking für Banken und Versicherungen im deutschsprachigen Raum leitet. Sobald aber ein großer grenzüberschreitender Deal komme, werde "die Landschaft aufgemischt". Es entstünde eine neue Liga von Spielern auf dem europäischen Bankenmarkt. Und viele Institute, die heute erst "Sandkastenspiele" betrieben, gerieten unter Druck, sich ernsthaft mit dem Cross-Border-Thema auseinanderzusetzen.

Gründe, die für eine Konsolidierung über die Grenzen hinweg sprechen, gibt es nach Ansicht Zwicks, der aus dem Blickwinkel der Kapitalmärkte argumentiert, genug. An der Börse seien bereits Banken dafür bestraft worden, dass sie keine Perspektive außerhalb ihres Heimatmarktes entwickelt hätten. Als Beispiel nennt er die britische Lloyds TSB, die sich gerade mit einem eigenen Angebot in die Fusionsbemühungen der heimischen Konkurrenten Bank of Scotland und Abbey National eingemischt hat und gemessen am Marktwert (siehe Grafik) schon bessere Zeiten gesehen hat.

Überhaupt komme der Druck, über die Grenzen zu gehen, vom Aktienmarkt. So könnten die spanischen Riesen BSCH und BBVA ihre vergleichsweise hohen Preis/Buchwert-Relationen auf Dauer nur halten, wenn es ihnen gelinge, ihre Wachstumsstories fortzuschreiben. Das aber funktioniere nur durch Akquisitionen im Ausland. Auch für die großen Häuser in Frankreich werde es schwer, zuhause noch etwas zu finden, wenn der Crédit Lyonnais erst einmal vollständig privatisiert sei. Ähnliches gelte für die Schweizer Giganten CS Group und UBS: Für sie gebe es im eigenen Land keine Übernahmeziele mehr.

Noch dominieren nationale Fusionen

Beide haben aber in diesem Jahr mit DLJ bzw. Paine Webber nicht in Europa, sondern in den USA eingekauft. Die wenigen größeren, rein europäischen Cross-Border-Transaktionen des Jahres 2000 waren zwar durchaus beachtlich, haben aber keine Lawine losgetreten. Auch nicht der bisher größte Deal unter europäischen Banken, die rund 11 Mrd. Euro schwere Übernahme des französischen CCF durch die britische HSBC, die nach Börsenwert klare Nummer eins in Europa ist. Und das Zusammengehen von Hypo-Vereinsbank und Bank Austria sowie weitere Konzentrationsschritte in Skandinavien hatten eher regionale denn pan-europäische Bedeutung.

Weiterhin dominieren unter Europas Banken nationale Zusammenschlüsse, und das auch noch zwischen kleineren Instituten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des bei der Europäischen Zentralbank angesiedelten Ausschusses für Bankenaufsicht. Die Autoren sahen sich sogar zu der Aussage veranlasst, es sei derzeit kein Trend zu grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen festzustellen.

Ob sich das im nächsten Jahr ändern wird, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Zwick glaubt jedenfalls, dass 2001 der Startschuss fallen wird: "Wir werden den ersten Schritt noch im nächsten Jahr sehen. Das könnte dann den Stein ins Rollen bringen", so seine Prognose. Allerdings weist er darauf hin, dass auch bei M & A-Entscheidungen zunehmend Risikoaspekte berücksichtigt würden. Und da komme es eben nicht nur auf das richtige Übernahmeziel an, sondern auch ganz entscheidend auf das Timing im Branchenzyklus.

Dass der richtige Zeitpunkt für große grenzüberschreitende Fusionen gerade im nächsten Jahr kommen wird, bezweifelt indes Analyst James Hyde von der Investmentbank Fox-Pitt, Kelton. "2001 wird kein großes Konsolidierungsjahr", meint Hyde - abgesehen von Großbritannien, wo der nächste Übernahmekampf bereits läuft, und Italien, wo die Gefechtslage verworren ist. Die Gewinnsituation der Institute werde weiterhin unsicher bleiben, glaubt er. Das sei nicht das Umfeld für große Deals. Zudem seien echte Probleme im Bankensektor - oftmals Auslöser für eine Konsolidierung - derzeit nicht auszumachen.

Auf Sicht von zwei bis drei Jahren hält es Hyde für eine der spannendsten Fragen, was der BSCH mit seinem Beteiligungen anfangen wird. Die spanische Großbank gehört zu jenen Adressen, denen Branchenexperten auf der europäischen Bühne einiges zutrauen. Sie brächte die Voraussetzungen dafür mit, folgt man einer Faustregel, die Merrill-Banker Zwick formuliert: "Wer eine Marktkapitalisierung von über 50 Mrd. Euro hat, der kann zu den Konsolidierern gehören." Wer darunter liege, stehe unter größerem Druck, aktiv zu werden. Für diese Institute gelte: "Entweder ich mache es selbst, oder es wird für mich gemacht."

Für deutsche Banken sieht es nicht gut aus

Wenn Zwicks Faustregel gilt, dann sieht es für die hiesigen Großbanken nicht gut aus. Nur die Deutsche Bank ist über 50 Mrd. Euro wert, die übrigen drei liegen abgeschlagen im europäischen Mittelfeld. Während das die Hypo-Vereinsbank mit ihrem Modell der "Bank der Regionen" weniger bekümmern dürfte, müssen sich Dresdner und Commerzbank Sorgen machen. Für sie war 2000 das Jahr der verpassten Chance, sich auf europäisches Niveau zu katapultieren und so für die fällige Konsolidierung zu wappnen. Zunächst platzte die Fusion der Dresdner mit der Deutschen, dann scheiterten auch die Gespräche zwischen Dresdner und Cobank.

Weil eine Neuauflage der Fusionsversuche höchst unwahrscheinlich ist, wird sich auf absehbare Zeit wenig daran ändern, dass ausgerechnet der größte Bankenmarkt Europas der fragmentierteste ist und nur einen Top-Player aufzuweisen hat. So bleiben aus Sicht der deutschen Branche eigentlich nur zwei vage Hoffnungen: dass das mögliche Aufbrechen des öffentlich-rechtlichen Sektors den Konsolidierungsstau irgendwann löst und dass die Welle grenzüberschreitender Fusionen noch lange auf sich warten lässt.

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