Konsolidierung unter europäischen Triebwerksherstellern
MTU-Verkauf nimmt konkrete Formen an

Bis die Trennung von MTU über die Bühne gegangen ist, muss Daimler-Chrysler als Verkäufer viele Hürden nehmen: Pratt & Whitney will als wichtigster Kunde mitreden und auch die Politik spielt eine Rolle.

HB DÜSSELDORF. In die europäische Triebwerksbranche ist Bewegung gekommen: Nach dem geplanten Verkauf von Fiat Avio an den US-Investor Carlyle Group und dem Großauftrag zum Bau der Triebwerke für den europäischen Militärairbus A400M an das Konsortium EuroProp International (EPI) richtet sich der Fokus der Branche nun auf die Zukunft von MTU Aero Engines. Daimler-Chrysler will sich im Zuge der Konzentration auf das Kerngeschäft von seiner hundertprozentigen Tochter trennen. Als wichtigster Interessent gilt wiederum Carlyle.

Doch bevor MTU einen neuen Eigentümer bekommt, muss Daimler hohe Hürden nehmen. In der Branche der Anlagegesellschaften ("Private Equity") gibt man sich zurückhaltend: Vor dem Sommer werde kaum etwas passieren. Informationen der Branche zufolge ist außer Carlyle auch der US-Investor Texas Pacific im Rennen. "Mir ist nichts von Exklusivverhandlungen mit einem der Bieter bekannt. Dazu wäre es auch viel zu früh", sagt ein Experte. Bei Carlyle wollte sich niemand zu den Spekulationen nicht äußern.

Daimler muss sich vor allem mit dem wichtigsten MTU-Kunden, dem US-Triebwerksbauer Pratt & Whitney (P & W) absprechen. "Es ist nicht auszuschließen, dass in den Verträgen von P & W mit MTU eine so genannte Chance-Of- Owner-Klausel enthalten ist, so dass die Zukunft von MTU zunächst mit P & W erörtert werden muss", heißt es bei Finanzinvestoren. Nach Informationen des Handelsblatts laufen bereits Gespräche zwischen Daimler und dem US-Unternehmen, einer Tochter des Mischkonzerns United Technologies. P & W wollte sich dazu nicht äußern. Auch Daimler-Chrysler hüllt sich in Schweigen. "Wir beobachten die Konsolidierung in dem Bereich mit Interesse", heißt es in Stuttgart.

Um die weitere Konsolidierung der Branche geht es nach Angaben infomierter Kreise gerade bei den Kontakten zu P & W: MTU muss künftig so aufgestellt sein, dass es seine wichtigen Kunden in Nordamerika nicht verliert. Die Gespräche könnten noch einige Wochen dauern.

Die Abhängigkeiten durch die langfristigen Lieferbeziehungen bei zivilen Triebwerken haben bisher alle Verkaufspläne zunichte gemacht. "Wenn es so einfach wäre, MTU zu verkaufen, wäre das schon längst geschehen", sagte ein MTU-Sprecher.

Rund 70 % seines Umsatzes im zivilen Bereich erzielt der Triebwerkszulieferer mit P & W und 20 % mit General Electric (GE). Beide nordamerikanischen Firmen werden gewichtige Gründe dagegen haben, dass MTU bei einem direkten Konkurrenten landet. Aber auch die britische Rolls-Royce, die sich mit P & W um die Position zwei hinter GE rangelt, beobachtet das Geschehen genau. MTU-Chef Klaus Steffens lehnt wegen der komplizierten Lieferbeziehungen ein Zusammengehen im zivilen Bereich mit einem der großen Triebwerkshersteller ab.

Erst wenn klar ist, was machbar ist, will Daimler den Verkaufsprozess starten. Ein Mandat an ein Investmenthaus soll bislang nicht vergeben worden sein. In Finanzkreisen wird damit gerechnet, dass Daimler die MTU bei Fiat Avio unterbringen wird - die Triebwerkssparte, die bislang noch dem italienische Autokonzern gehört.

Dort ist Carlyle offenbar am Ziel: Voraussichtlich schon in wenigen Tagen wird Fiat den Verkauf bekannt geben. Seit gut fünf Wochen befinden sich die Amerikaner und der italienische Rüstungskonzern Finmeccanica in exklusiven Verhandlungen mit Fiat. Festgelegt haben die Partner einen Unternehmenswert von 1,6 Mrd. Euro. Die Schätzungen für MTU gehen auseinander und schwanken zwischen 1,5 Mrd. Euro und 2,2 Mrd. Euro.

Finmeccanica ist nur am Geschäftsbereich Raumfahrtantriebe interessiert. Daher dürfte Fiat Avio in Folge des Verkaufs zerschlagen werden, wodurch die Flugzeugtriebwerke vollständig in den Händen von Carlyle bleiben würden.

Die Turiner Fiat-Tochter gilt als idealer Partner für die deutsche MTU. Das räumt auch MTU-Chef Steffens ein. Beide Firmen arbeiten bereits bei militärischen und zivilen Triebwerksprogrammen zusammen. Mit MTU und Fiat Avio würde vor allem ein gewichtiger Zulieferer für die drei großen zivilen Triebwerksbauer GE, P & W und Rolls Royce entstehen.

Außer den komplexen Lieferabhängigkeiten muss Daimler den Verkauf auch auf politischer Ebene klären: Nach Angaben informierter Kreise war Daimler-Vorstand Rüdiger Grube bereits vor 14 Tagen bei Bundeskanzler Gerhard Schröder, um über die MTU-Pläne zu sprechen. Dabei sei es vor allem um eine europäische Lösung für die Triebwerksindustrie gegangen. Der Kanzler hat dem Vernehmen nach keine Einwände gehabt.

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