Konsumentenpreise liegen auf historisch niedrigem Niveau
Kaffeepreis hat die Talsohle durchschritten

Rund 90 Prozent der Deutschen trinken täglich Kaffee. Sie müssen für ihr geliebtes Getränk heute rund 80 Prozent weniger zahlen als noch 1960. Doch könnte sich dies wieder ändern. Am Rohkaffeemarkt zeichnet sich peu à peu eine Wende ab; die Notierungen ziehen langsam wieder an.

SAO PAULO/DÜSSELDORF. Des einen Freud, des anderen Leid. So kurz und bündig kann man die Lage am internationalen Kaffeemarkt umschreiben. Denn die deutschen Verbraucher freuen sich über die niedrigsten Kaffeepreise aller Zeiten. In Brasilien und anderen Anbaustaaten kämpfen die Produzenten dagegen um ihre Existenz.

Doch es gibt einen ersten Hoffnungsschimmer. Hans-Georg Müller ist optimistisch, dass die "absolute Talsohle bei den Rohkaffeepreisen durchschritten ist". Kleiner Wermutstropfen: Nach Aussagen des Sprechers des Deutschen Kaffee-Verbands in Hamburg gilt dies auch für die Endverbraucherpreise. Bereits seit August hätten die Rohkaffeenotierungen unter Schwankungen wieder anzogen. Der von der Internationalen Kaffeeorganisation (ICO) ermittelte Durchschnittspreis ist seit August von 42,79 US-Cent auf über 55 Cent je lb. (453 Gramm) gestiegen.

Die beiden bedeutendsten Kaffee-Anbauländer sind heute Brasilien und Vietnam. Der Verband der brasilianischen Kaffee-Exporteure Cecafé rechnet damit, dass Brasilien schon bald wieder einen Weltmarktanteil von insgesamt 31 % erreichen wird. Zum einen produzierten Vietnam und Indonesien in diesem Jahr weniger Kaffee. Andererseits hat Brasilien das Kaffee-Rückhalteprogramm aufgegeben, welches ein Teil der Kaffeeproduzenten in der Vereinigung der Kaffee produzierenden Länder (ACPC) in London Anfang 2000 zur Preisstützung ins Leben gerufen hatten. Dabei hatte Brasilien bis zu einem Fünftel seiner Produktion von den Weltmärkten fern gehalten; 2000/2001 wurden nur noch 18 Mill. Sack exportiert.

Doch neue Anbieter - vor allem Vietnam - waren in die Lücke gestoßen. Die Folge: Brasilien reduzierte seinen Anteil am Welthandel mit Kaffee zwar auf rund 20 % - doch die Preise gingen weiter in den Keller. 2001/2002 hielt sich Brasilien erstmals nicht mehr an die Quoten und steigerte seine Kaffeeausfuhren stark: Der Weltmarktanteil erhöhte sich wieder auf 26 %. Die historischen Tiefpreise versucht Brasilien nun vor allem über die Ausweitung der Mengen wettzumachen.

Gleichwohl liegt hier eine der großen Unsicherheiten für den internationalen Kaffeemarkt überhaupt, wie Müller erklärt. Denn es sei "ganz sicher", dass Brasilien witterungsbedingt im nächsten Jahr eine geringere Ernte einfahren wird. Aber auch andere Länder, insbesondere Vietnam, ernteten inzwischen weniger. "Die Erntevolumina werden ab dem Kaffeejahr 2003/2004 auf oder sogar unter dem Konsumniveau liegen", ist Müller überzeugt. Da sich weltweit ein großer Lagerbestand aufgebaut hat, wird es aber noch kein "klares Signal für eine richtige Erholung der Preise" geben.

Was aber bedeutet dies für die Konsumenten? Sind die Zeiten billigen Kaffees damit unwiderruflich vorbei? Die jüngsten Entwicklungen sind jedenfalls irreführend, Denn die ohnehin schon niedrigen Endverbraucherpreise in Deutschland haben weiter nachgegeben. Im Oktober mussten laut Müller für 500 g Röstkaffee durchschnittlich nur 2,98 Euro bezahlt werden. Noch im Januar lag der Preis bei 3,21 Euro. Der Grund dafür sei die spezielle Situation am deutschen Markt, der durch einen "ruinösen Preiswettbewerb" gekennzeichnet sei. Eine Entwicklung, die auch Dieter Overath sorgt, den Geschäftsführer von Transfair. Der Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der Dritten Welt e.V. will benachteiligte Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika fördern und durch fairen Handel ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern. Laut Overath hat der harte Preiswettbewerb dazu geführt, dass "der Preisunterschied zu Transfair - Kaffee noch größer" geworden ist. Der Marktanteil von fair gehandeltem Kaffee ist damit auf rund 1 % geschrumpft. Gleichwohl entfallen hierauf etwa 75 % des Gesamtumsatzes von Transfair, etwa 40 Mill. Euro.

Overath sorgt sich dabei nicht nur um die Produzenten, sondern auch "darum, dass das Produkt immer mehr heruntergewirtschaftet wird". Er wirft der Kaffeeindustrie vor: "Sie sorgen sich zu wenig um Ihre Lieferanten." Wenn diese weit weniger als ihre Produktionskosten erhielten, könnten sie die Qualität nicht aufrecht erhalten. Statt der erforderlichen 80 bis 90 Cent je lb. bekämen die Produzenten im Schnitt 20 Cent weniger. Dies sei "eine natürliche Folge der Preisspirale".

Inzwischen wird in Deutschland mehr Kaffee der billigeren Sorte Robusta eingeführt. Vor allem wird aber noch der höherwertige Arabica verarbeitet. Laut Müller erreicht der Robusta-Anteil heute über 20 %, früher waren es 10 %. Er erklärt dies mit der Ausweitung der Produktpalette. Allerdings gibt es eine neue Initiative der deutschen Kaffeewirtschaft. Zusammen mit der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) wurde ein Gemeinschaftsprojekt, der "common code for coffee" unterzeichnet. Laut Müller beinhaltet die Initiative ein System von Verhaltensregeln, durch die die Nachhaltigkeit beim Anbau, der Aufbereitung und Vermarktung von Rohkaffee vorangetrieben werden soll. Auch die Situation der Produzenten soll so verbessert werden.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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