Konsumwut ins Stocken geraten
Sparwut der Chinesen bremst Wachstum

Chinas rasantes Wachstum erweckt Neid und Bewunderung rund um den Globus. Doch es hat seinen Zenit offenbar erreicht. Eine steigende Zahl von Chinesen fürchtet sogar, Opfer des wirtschaftlichen Wandels zu werden-trotz eines Wachstums von 8 %.

PEKING. Die marode Staatswirtschaft entließ seit 1998 über 27 Millionen Menschen. Weil viele Chinesen nicht auf das Sozialsystem vertrauen, das gerade reformiert wird, füllen sie trotz bescheidener Zinsen von 2 % lieber ihre Sparbücher bis zum Anschlag auf. Im vergangenen Jahr wuchsen die Ersparnisse im Reich der Mitte um knapp 18 %, mehr als doppelt so schnell wie die Konjunktur und fast doppelt so schnell wie die verfügbaren Einkommen, die 10 % zulegten.

"Auf den ersten Blick ist der Anstieg der Ersparnisse eine gute Nachricht", sagt Hu Bingliang von der Akademie der Sozialwissenschaften. Denn das Spargeld versorgt die schwer angeschlagenen Staatsbanken mit bitter benötigter Liquidität. Doch dieses Kapital ist untätig. "Ein großer Teil von Chinas Kapital wird nicht effektiv eingesetzt", bestätigt Hu. Er weist darauf hin, dass bis zu 400 Mrd. Euro nicht in den Banken schlummern müssten, wenn die Staatsbanken mehr an die Privatwirtschaft ausleihen würden.

Chinas Staatsbanken vergaben Kredite Jahrzehnte lang auf politische Weisung und an defizitär arbeitende Staatsbetriebe. Mit der Folge, dass nach westlicher Schätzung bis zu 500 Mrd. $ Kredite uneinbringbar sind und viele Banker Kreditrisiken nicht beurteilen können. Sie scheuen sich, an die private Industrie auszuleihen, die aber wichtige Arbeitsplätze schafft.

Unter der Sparwut leidet der private Konsum. 2002 nahm der Umsatz des Einzelhandels nur noch um 8,8 % zu. Das wäre in Deutschland eine Traumquote, doch in China bedeutet dies einen spürbaren Rückgang, nach 10,1 % Umsatzzuwachs im Vorjahr. Im Klartext: Der verlässlichste Treibriemen in Chinas Konjunktur stottert, während Exporte und ausländische Investitionen Ermüdung signalisieren.

Chinas Ausfuhren wuchsen im Dezember im Jahresvergleich noch um satte 30 %. Die Industrieproduktion erreichte mit einem Plus von 15 % gar die höchste Rate seit 1995. Doch die Deutsche Bank erwartet für das erste Quartal nur noch eine Zunahme der Exporte um 25 %. Und die ausländischen Direktinvestitionen, die 2002 mit einem Zustrom von knapp 53 Mrd. $ China zum weltweit führenden Zielland vor den USA aufsteigen ließen, gaben im letzten Quartal 2002 auf Jahresbasis um 10 % nach. Die Schlussfolgerung bei der ABN Amro-Bank in Hongkong: "Chinas Wachstum könnte im vierten Quartal seinen Höhepunkt erreicht haben."

Dafür werden weitere Gründe angeführt: Parteitages im November, der den Wechsel zur vierten Führungsgeneration einleitete, wurden viele große Infrastrukturprojekte vorgezogen, um für 2002 eine bessere Wachstumsrate zu erzielen. Auch der rasant wachsende Immobiliensektor legt nun langsamer zu, weil führende Politiker aus Angst vor einer drohenden Blase die Staatsbanken drängen, weniger Kredite bereitzustellen. n China in zunehmenden Maße negative Auswirkungen eines möglichen Irak-Krieges. Das Reich der Mitte muss bereits ein Drittel seines schnell wachsenden Ölverbrauchs einführen, 60 % der Importe stammen aus dem Nahen Osten. Für jeden Dollar, um den sich das Barrel Öl verteuert, steigt Chinas Importrechnung um 12 Mrd. $. Besonders die Fluggesellschaften bekommen dies zu spüren, die ohnehin mit schwachen Gewinnmargen fliegen. Experten gehen davon aus, dass ein Anstieg der Kerosinpreise um 1 % die Kosten der Airlines um 3 bis 5 % erhöht.

China sorgt sich auch über eine weitere Abkühlung der Konjunktur in den USA, dem weltweit größten Abnehmer chinesischer Produkte. Ein Viertel seiner 325 Mrd. $ Ausfuhren lieferte China 2002 dorthin. Kein Wunder, dass Peking strikt darauf beharrt, den Irak-Konflikt politisch zu lösen.

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