Kontinuität ist ihm wichtig
Alles unter Kontrolle

Mit dem Deutschland-Chef Klaus-Peter Gushurst will Booz Allen Hamilton dahin, wo die Unternehmensberatung weltweit steht: Auf Platz Zwei. Gushorst setzt auf langen Atem, Kontinuität - und Moral.

Als Kurierfahrer war er unterwegs. In Israel hat er Orangen gepflückt, in Kanada Tabak geerntet und in New York in einer Bank gearbeitet. Klaus-Peter Gushurst ist schon ganz schön herumgekommen. Es waren Studentenjobs und Praktika. Danach verschlug ihn sein Beruf als Unternehmensberater nach Wien, Tokio, Stockholm, New York und Detroit.

Trotzdem gilt er als besonders bodenständig. Der neue Deutschland-Chef von Booz Allen Hamilton - der weltweit zweitgrößten Unternehmensberatung nach McKinsey - ist recht jung für seinen Job. Gerade mal 39 Jahre ist der blonde Mann mit den kurz geschnittenen Haaren und dem jungenhaften Gesicht. Man möchte meinen, der Jugendwahn habe nun auch die 88 Jahre alte, amerikanische Unternehmensberatung erfasst. Dass er ein Youngster ist, der im Durchmarsch seinen Aufstieg macht und nur die Überholspur kennt. Weit gefehlt: Gushurst ist weder Job-Hopper noch oberflächlicher Karriererist. Er ist ein hauseigenes Gewächs von Booz Allen Hamilton und hält seiner Firma seit zwölf Jahren die Treue.

Kontinuität ist ihm wichtig: "Langer Atem, das ist ein Wert, der völlig unterschätzt wird". Er hasst die Schnellschüsse seiner Branchenkollegen. "Diejenigen, die nach 14 Tagen schon eine Firma umkrempeln wollen - und diejenigen Entscheider, die so einen Rat auch noch umsetzen", kritisiert er die eigene Zunft. "Da pushen Banken Berater in ein Unternehmen und diese nehmen sich keine Zeit, erst einmal gründlich rein zu gucken." Genauso bedauert er, dass es heute nach der Rückkehr ins Büro nicht mehr üblich sei, mit einem Kollegen erst mal einen Kaffee zu trinken. "Wie verrückt ist die Welt geworden, dass man statt dessen direkt an seine E-Mails geht?"

Untypisch? Nicht für Gushurst. Er ist der Älteste von vier Geschwistern: Einer, für den Begriffe wie Verantwortlichkeit, Pflichten oder Vorbilder keine Fremdworte sind. Er kennt sie aus seinem Elternhaus in Baden Baden. "Ich bin sehr religiös erzogen", erzählt er. "Vertrauen und Lebensoptimismus", das sei das Wichtigste, das ihm die Eltern mitgegeben hätten. Dass sein Vater Wirtschaftsprüfer und Verbandspräsident war, passt ebenso zu ihm wie sein Wehrdienst beim Wachbataillon: Gushurst tritt ungemein beherrscht auf, er wirkt fast steif und lässt kaum an sich heran kommen. Er ist der Westen-Träger, der sich seines Jacketts auch bei sommerlichen Temperaturen erst spät entledigt. Philipp Waldheim, einer seiner ältesten Freunde und Manager bei DaimlerChryler in Italien berichtet, dass Gushurst am liebsten immer "alles unter Kontrolle" hat. Auch privat. Er habe noch nie erlebt, dass sein Studienfreund mal einen über den Durst getrunken habe - selbst wenn er der einzige Nüchterne war. Sich gehen lassen? Der nicht.

Kein unüberlegtes Wort kommt über seine Lippen. Nicht einmal, wenn er im Aufzug im Keller stecken bleibt, dieser keine Knöpfe hat und nur von außen bedienbar ist. Kein Scherz, kein Schimpfen oder eine andere aufgeregte Regung in diesen Minuten - denn nicht mal ein Handy hat hier Empfang. Bis oben doch noch jemand die Pfeil-Taste drückt. Nur in seinen Augen sieht man in solchem Moment, dass er sich in dieser misslichen Lage unwohl fühlt.

Er hat etwas roboterhaftes an sich, wenn er so zielstrebig unvorhersehbare Pannen managt. So sitzt der junge Mann mit dem offenen Blick in einem dieser modernen, gesichtslosen Büros am Ende der Düsseldorfer Königsallee - vor dem immer gleichen Plastiktablett mit der immer gleichen Flaschenbatterie Wasser, Cola und Apfelsaft. Mit den immer gleichen Röhrengläsern an einem der unpersönlichen, leeren Schreibtische in den Designerbüros, wie sie so typisch sind für Dienstleister wie Werbeagenturen oder Beratungen. Frei von Schnickschnack, Notizen oder anderen menschlichen Spuren. Genau genommen ist es nicht Gushursts Schreibtisch, sondern der eines abwesenden Kollegen. Aber im Handumdrehen sitzt er daran, als säße er nie woanders.

Dabei spricht Gushurst von Dingen, die ganz unmodern klingen. Davon, wie hoch die ethischen Ansprüche seiner Firma seien. Davon, dass unmoralisches Verhalten der Kollegen gnadenlos geächtet werde. Doch ausnahmsweise scheinen derlei Aussagen nicht nur Lippenbekenntnisse zu sein. "Bezeichnend an Gushurst ist, dass er eine hohe Beraterethik vertritt und deshalb gerade in diesen schwierigen Zeiten an die Spitze gekommen ist", urteilt Brancheninsider und Headhunter Klaus Leciejwski, der auf die Beraterszene spezialisiert ist. Er gelte als Macher und Teamplayer. "Daran, dass Booz Allen Hamilton heute in weiten Kreisen in der Industrie ein gutes Ansehen und Stabilität erreicht hat, dazu hat er wesentlich beigetragen." Andere Beratungen stünden nicht so gut da.

Moralischer Anspruch allein sorgt aber nicht für Erfolg. Leciejewski erzählt: Gushurst ist "eine Mischung aus extrem hoher Effizienz und badischem Naturell." Jemand, der gutes Essen und Gemütlichkeit liebt. Dazu passt auch seine Begeisterung für den Sonntagnachmittag der Fußballweltmeisterschaft, als er mit all seinen Münchner Kollegen samt Familien im Büro das Endspiel verfolgte.

Doch trotz aller Kumpanei ist Gushurst gefürchtet dafür, dass er von Kollegen viel verlangt, die "Extra-Meile für den Kunden". So wie er alles für den Job tut und auch in heiklen Situationen nicht kneift. Gut erinnert er sich die Situationen, als er einem einem Vorstandsvorsitzenden sagen musste: "Das Kernproblem sind Sie. Ihre Entscheidungen waren nicht zielführend, Sie haben die falschen Leute befördert und es sich bequem gemacht." Dann kommt die Langeweile, die Gushurst in seinem Job nie erleben will, bestimmt nicht auf.

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