Kontrahent George Bush schlägt Präsidentschaftsbewerber
Al Gore mit Artikulationsproblemen im TV-Duell

Wenn Fernsehdebatten Wahlen entscheiden, hat George Bush am Mittwochabend einen Riesenschritt in Richtung Weißes Haus getan.

dpa WINSTON-SALEM. Mit einer geschickten Gesprächstaktik gewann der republikanische Präsidentschaftsbewerber die Oberhand über seinen demokratischen Gegner Al Gore, der in den anschließenden Schnellumfragen dramatisch schlechte Werte erzielte. Nach einer vom US-Nachrichtensender CNN in Auftrag gegebenen Erhebung sahen 49 % der Befragten den texanischen Gouverneur als Punktsieger in dem 90-minütigen Rededuell, nur 36 % Vizepräsident Gore. 56 % hielten Bush für glaubwürdiger, die gleiche Anzahl fand ihn auch liebenswürdiger.

Schon die Körperhaltung der beiden Männer sandte aufmerksamen Zuschauern deutliche Signale: Bush ruhte recht entspannt zurückgelehnt in seinem Sessel und warf dem schräg neben ihm sitzenden Gore freche Blicke zu. Der Demokrat saß vorgebeugt und eher verspannt am Tisch und hatte einige Mühe, seinen Ärger über den Kontrahenten dieses Mal im Zaume zu halten. Beim ersten TV-Duell vor einer Woche war er vielen Zuschauern als zu arrogant und aggressiv erschienen, weshalb ihm seine Berater nun strenge Zurückhaltung auferlegt hatten. Doch das behinderte den eigentlich versierten Debattierer, der sogar manches Mal Probleme hatte, sich klar zu artikulieren.

Demgegenüber verlegte Bush sich in dem die erste Hälfte der Diskussion beherrschenden Thema der Außenpolitik auf eine entwaffnende Taktik. Er stimmte schlicht allen wesentlichen Entscheidungen der Regierung von Präsident Bill Clinton und dessen Vize Gore zu. Damit entschärfte er das für den Provinzpolitiker als vermint geltende Gelände internationaler Fragen und nahm Gore die Möglichkeit, sich hier zu profilieren.

Als es dann zu innenpolitischen Sachthemen kam, zeigte er Schwächen, die Gore freilich wegen der selbst auferlegten Zurückhaltung nicht recht auszuschlachten vermochte. Dennoch dürfte mit der Zeit vielleicht noch mehr Wählern auffallen, dass Bush kritischen Fragen zur Gesundheitspolitik in seinem Staat geschickt auswich, sie aber keineswegs beantwortete.

Der Verlauf der Fernsehdebatten ist eine weitere Überraschung in dem stark von psychologischen Momenten geprägten US-Wahlkampf. Sie galten als sicheres Terrain für den als erfahrenen und intellektuell überlegen eingeschätzten Gore. Doch dessen zu große Selbstsicherheit in der ersten Diskussion hat sich als böser Fehler erwiesen. Plötzlich weht ihm der Wind wieder ins Gesicht, und die Medien wittern noch eine Wende zu Gunsten von Bush in letzter Minute - weniger als einen Monat vor der Wahl. Das macht den von vielen schon abgeschriebenen Republikaner wieder interessant und den Demokraten zum Objekt schärfster Beobachtung, wodurch auch Fehler in kleinen Details wichtig werden.

Aber noch hat Gore eine Chance, seine Kunst als Debattierer zu beweisen: Am kommenden Dienstag geht es in die dritte, vielleicht wahlentscheidende Runde. dpa hs xx sp

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