Kontrast zum Auftritt der Mannschaft
Der liebe Rudi als böser Herr Völler

Der DFB-Teamchef verliert nach dem enttäuschenden 0:0 im EM-Qualifikationsspiel in Island die Contenance.

REYKJAVIK. Kurz vor der Pause kam Oliver Kahn weit aus seinem Tor. Solche Vorstöße des Kapitäns verheißen nichts Gutes, zumal dann nicht, wenn der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft gerade erst einen Fehler seiner beiden Innenverteidiger Baumann und Wörns hat ausbügeln müssen. Kahn hob beide Hände vor die Brust und signalisierte seinen Mitspielern: "Ruhig! Ruhig!" Eine Stunde später war von derartiger Gelassenheit bei den Deutschen nicht mehr viel übrig geblieben.

Kahn selbst fuchtelte in der zweiten Hälfte des Spiels gegen Island mit seinen Armen in der Luft herum wie ein Hobby-Dirigent vor dem Badezimmer-Spiegel und jagte seinen Kollegen hinterher, wenn das isländische Publikum wieder einmal vor Freude jauchzte. Als sich Kahn nach dem Spiel von den deutschen Fans verabschieden wollte, kamen ihm Pfiffe entgegen. Der Kapitän reagierte mit einer wütenden Handbewegung und ging in die Kabine. Auch am nächsten Morgen hatte sich seine Stimmung nicht wesentlich verbessert. "Ich habe keine Lust auf eure grauenhaft negative Art", sagte er zu einem Fernsehreporter. "Mir wird schon wieder schlecht."

Kahns Ausfall passt in die aktuelle Kommunikationsstrategie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Auch Rudi Völler, der Teamchef der Nationalmannschaft, hatte nach dem 0:0 gegen Island seine Contenance verloren. Im Fernsehstudio der ARD wehrte er sich gegen die Kritik an seiner Mannschaft: "Ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören." Völler beleidigte in der Livesendung den Moderator Waldemar Hartmann und griff Gerhard Delling und Günter Netzer an. Schon immer hat der liebe Rudi von sich gesagt, dass er auch ein richtig böser Herr Völler sein könne, dass er sogar zum Jähzorn neige. Bis zum Samstagabend hat ihm das niemand geglaubt.

Nach seinem Auftritt im Fernsehstudio wollte Völler gleich weiter in die Pressekonferenz stürmen, aber Harald Stenger, der Pressesprecher des DFB, lotste den Teamchef erst einmal zurück in die Kabine. Doch auch nach einer kurzen Bedenkzeit war immer noch genug Wut in Völler. "Wir sind auf einem sehr gefährlichen Weg", sagte er und meinte damit nicht die fortgesetzt schlechten Auftritte seiner Mannschaft, sondern die Kritik daran. "Das lasse ich mir nicht gefallen." In der Pressekonferenz sprach Völler davon, dass sein Auftritt bei der ARD "mehr ein bisschen so ein Ausbruch" gewesen sei. Ihm habe das schon seit Monaten auf der Seele gelegen. "Pech für Delling und Netzer", dass es ausgerechnet diese beiden getroffen habe. Gemeint waren mit seinem "bisschen Ausbruch" nämlich auch alle anderen, "diese Gurus, diese Ex-Gurus".

Völlers engagierte Rede kontrastierte auf das Heftigste mit der blutleeren Aufführung seiner Mannschaft. Ganz anders hatte es bei ihrem Gegner ausgesehen. "Wir haben den Deutschen von Anfang an gezeigt: Wenn ihr hier etwas holen wollt, müsst ihr hart dafür arbeiten", sagte Eidur Gudjohnsen. Den Fußball-Fachangestellten des DFB aber stand der Sinn offensichtlich nicht nach harter Arbeit. Selbst Völler gab in seinen wenigen gemäßigten Momenten zu, dass die Kritik okay sei. Seine Beurteilung der deutschen Darbietung wechselte von "nicht gut" über "sehr schlecht" bis hin zu "richtig schlecht". Und am Mittwoch gegen die Schotten "werden nur Spieler dabei sein, die 90 Minuten Gas geben". Wenn die Begegnung mit den Isländern dafür der Maßstab ist, müsste Völler, der sich am Sonntag für seine Wortwahl vom Vortag entschuldigte, noch zehn Spieler nachnominieren, um überhaupt eine vollständige Mannschaft aufbieten zu können.

Die Deutschen zehren immer noch von ihrem Ruf, unter Druck zu außergewöhnlichen Leistungen fähig zu sein. Die erfolgreiche Weltmeisterschaft vor einem Jahr hat die Spieler in diesem Glauben noch einmal bestärkt. Notfalls gewinnt die Nationalmannschaft eben dadurch, dass Michael Ballack nach einem Eckball das einzige Tor des Spiels köpft. Aber so funktioniert es nicht immer, und weil sich die Deutschen gegen Island nur eine einzige Chance erarbeiteten, musste Völler am Ende "sehr zufrieden sein mit dem 0:0". Der Respekt, den die deutsche Nationalmannschaft im Ausland immer noch genießt, wird durch die Realität schon lange nicht mehr gedeckt. "Vor dem Spiel wäre ein Unentschieden für uns ein Wunder gewesen", hat Islands Nationaltrainer Asgeir Sigurvinsson gesagt. "Nach dem Spiel sind wir nicht besonders glücklich."

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