Kontrollmechanismen haben versagt
Analyse: EM.TV schädigt Image des Neuen Marktes

Märchenhaft war der Aufstieg von Thomas Haffa und seinem Medienkonzern EM.TV. Innerhalb von nur zwei Jahren war die EM.TV-Aktie in schwindelnde Höhen gestiegen. Der Name "Haffa" galt als Synonym für das schnelle Geld am Neuen Markt. Auf dem Höhepunkt war das kleine Unternehmen aus dem Münchener Vorort Unterföhring an der Börse fast 27 Milliarden Mark wert. Und Haffa träumte von einem deutschen Disney-Konzern.

Der Traum ist zu einem Alptraum geworden. Freitag Nacht hat EM.TV eine Gewinnwarnung veröffentlicht, die die schlimmsten Befürchtungen übertroffen hat. Danach dürfte das Unternehmen für das Jahr 2000 nach Berücksichtigung aller Akquisitionen unter dem Strich tiefrote Zahlen schreiben. Die Aktie, die schon am Freitag erneut nach unten krachte, wird voraussichtlich in dieser Woche weiter unter Druck geraten. Die Verhandlungen über eine Übernahme durch die Kirch-Gruppe laufen auf Hochtouren. Die Verhandlungsposition von Haffa verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Erster etablierter Wert unter die Räder gekommen

Die Auswirkungen für den Neuen Markt, der so hoffnungsvoll als neue Wachstumsbörse in Deutschland gestartet ist, könnten dabei dramatisch sein. Bisher wurden die vielen Gewinnwarnungen, die zuletzt schon fast täglich den Markt erschütterten, als kleinere Betriebsunfälle abgetan. Doch mit EM.TV kommt jetzt erstmals ein etablierter Wert unter die Räder. EM.TV, 1997 als zwölfte Aktie am Neuen Markt eingeführt, galt lange als die Erfolgsstory für die "New Economy" in Deutschland schlechthin. Der Vertrauensverlust wiegt schwer. Das Image des Neuen Marktes ist beschädigt. Bei Krisenfällen wie Infomatec oder Gigabell ermitteln sogar die Staatsanwälte.

Der Fall EM.TV ist für Niemanden ein Ruhmesblatt. Die Banken beispielsweise standen bis zum Schluss zu Haffa. Sie versorgten EM.TV über Kapitalerhöhungen und mit einer Wandelschuldverschreibung in den vergangenen zwei Jahren immer wieder mit frischem Geld von der Börse. Dadurch konnte Haffa ein immer größeres Rad drehen und mit den Milliarden wie im Rausch auf Einkaufstour gehen: Tele-München-Gruppe, Jim Henson ("Sesamstraße"), Formel 1.

Analysten hielten unbeirrt an ihren Kaufempfehlungen fest

Auch die große Mehrzahl der Analysten hielt EM.TV unbeirrt die Stange. Renommierte Adressen wie Merrill Lynch, West/LB oder CSFB empfahlen das Risikopapier in der Vergangenheit immer wieder mit hohen Kurszielen zum Kauf. Als sich nach schweren Bilanzierungsfehlern erste Probleme abzeichneten, wurde von den Experten weiter Optimismus verbreitet. Noch in der vergangenen Woche bezeichneten Analysten eine bevorstehende Gewinnwarnung als unrealistisch. Auch Fondsmanager, Wirtschaftsprüfer und Journalisten können sich an die eigene Nase fassen, waren sie doch oft zu unkritisch mit Haffa, der einen Ruf als genialer Verkäufer hat.

Die vielfältigen Kontrollmechanismen funktionierten offenbar nicht. EM.TV lieferte zwar, wie von den Regeln des Neuen Marktes gefordert, ordnungsgemäß seine Quartalszahlen ab. Doch eine konsolidierte Konzernbilanz, in der alle Zukäufe enthalten sind, fehlt bis heute. Auch ein funktionierendes Controlling gab es offenbar nicht. Fest steht: Haffa hat sich mit der raschen Expansion übernommen und auch Probleme im Kerngeschäft mit Kinder- und Familienprogrammen. Und: Am Ende wird aller Voraussicht der Sieger Leo Kirch heißen.

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