Kontroverse um das Prüfungswesen
Streitgespräch: Wirtschaftsprüfer

Brauchen wir noch Wirtschaftsprüfer, wenn sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden? Prüfungsfehler wie bei Flowtex und Comroad haben den Berufsstand in die Kritik gebracht und sein Image beschädigt. Andererseits werden jährlich zehntausende Jahresabschlussprüfungen einwandfrei durchgeführt.

DÜSSELDORF. In einem Streitgespräch verteidigt Adalbert Wahl , seit Juni 1999 Präsident der Wirtschaftsprüferkammer, seinen Berufsstand. Karlheinz Küting , Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Universität Saarbrücken, glaubt dagegen, dass die Zeit reif für eine Reform des deutschen Prüfungswesens sei.

Adalbert Wahl:

Jährlich werden zehntausende Jahresabschlussprüfungen von Wirtschaftsprüfern durchgeführt - ohne dass Unternehmen, Gesellschafter oder Kontrollorgane den Wert dieser Prüfungen anzweifeln. Die von Wirtschaftsprüfern vollzogenen Prüfungen tragen wesentlich dazu bei, dass die Unternehmen sich nach außen so darstellen, wie es ihrer tatsächlichen Entwicklung entspricht.

Von der Prüfung eines Unternehmens durch Wirtschaftsprüfer erhoffen sich viele eine Garantie, dass das jeweilige Unternehmen stabil und seriös ist und eine gute Anlage für das eigene Geld darstellt. Diese Hoffnung mag verständlich sein - sie zeigt aber auch die geringe Kenntnis über die gesetzlich festgelegten Aufgaben der Wirtschaftsprüfer und den Gegenstand der Jahresabschlussprüfung.

Grenzen des Prüfbaren

Nach den vom Berufsstand entwickelten Grundsätzen ist die Prüfung so zu planen und durchzuführen, dass Unrichtigkeiten, Fehler, Täuschungen, Vermögensschädigungen sowie sonstige Gesetzesverstöße mit hinreichender Sicherheit erkannt werden. Nachweise werden auf der Basis von Stichproben in Einzelfällen und mittels Plausibilitätsanalysen beurteilt.

Hier liegt die Grenze des Urteils über ein Unternehmen. Die Prüfung zeichnet nicht alle geschäftlichen Vorgänge nach, prüft nicht jeden Vorgang, recherchiert nicht jede Transaktion. Trotzdem ist sie wirkungsvoll - weil der zu Prüfende nicht weiß, welche Stichproben genommen werden.

Wenn Führungskräfte in Unternehmen mit großer krimineller Energie Unterlagen fälschen, um Unregelmäßigkeiten zu vertuschen, Betrügereien oder Unterschlagungen zu verschleiern oder schlechte Geschäfte zu kaschieren, dann haben Wirtschaftsprüfer meist nur eine geringe Chance, dies zu erkennen. Die Abschlussprüfung ist nach den gesetzlichen Vorgaben nicht so angelegt, dass mit kriminalistischen oder staatsanwaltlichen Ermittlungsmethoden vorgegangen werden kann.

Schwarze Schafe gibt es immer

Wer diesen Sachverhalt nicht kennt und hofft, dass es in dieser komplizierten und unübersichtlichen Welt doch noch jemanden gibt, der alles weiß und alles kontrolliert, ist natürlich enttäuscht, wenn ein Unternehmen trotz eines vorliegenden Testats überraschend einen Insolvenzantrag stellt. Der Wirtschaftsprüfer ist weder ein "Übergeschäftsführer" noch ein Prophet.

Das System der Abschlussprüfungen hat sich bewährt. Betrügereien in Unternehmen kann es jedoch ebenso wenig ausschließen wie ein Fehlverhalten einzelner Wirtschaftsprüfer. Der Berufsstand arbeitet daran, dass die Einzelfälle, in denen Wirtschaftsprüfer versagen, zukünftig einer gestärkten Fachaufsicht als berufsaufsichtlicher Maßnahme zugeführt werden.

Karlheinz Küting:

Die Mehrheit der deutschen Wirtschaftsprüfer arbeitet fachgerecht. Gleichwohl haben sich zuletzt offenkundige Prüfungsfehler gehäuft. Wenn etwa - wie bei Flowtex - nicht aufgedeckt wird, dass mehr als 75 Prozent der bilanzierten Bohrer fehlen oder - wie bei Comroad - mehr als 95 Prozent der ausgewiesenen Umsätze auf Luftbuchungen basieren, sind das Sextanerfehler, die nicht unterlaufen dürfen. Dadurch wurde das Image des gesamten Berufsstandes beschädigt, der Wert des Bestätigungsvermerks noch mehr infrage gestellt.

Anlass genug, das deutsche Prüfungswesens zu verbessern:

Die Jahresabschlussprüfung darf nicht zur bloßen Belegprüfung abgewertet werden. Verdachtsmomenten auf Bilanzdelikte nachzugehen, gehört vielmehr zu den klassischen Aufgaben des Abschlussprüfers. Die Prüfungshonorare sollten sich nach aufgewendeter Zeit und Wert des Prüfobjektes ausrichten. Wenn ausgehandelte Pauschalhonorare zu Kampfpreisen führen, ist eine sachgerechte Prüfung fraglich.

Objektivität ist gefährdet

Abschlussprüfer verfügen über Instrumente, Testate zu ergänzen, einzuschränken und zu versagen - diese müssen sie auch einsetzen. Der Wirtschaftsprüfer darf nicht zum bloßen Testatstempler degradiert werden. Werden Beratung und Prüfung verzahnt, kontrolliert der Prüfer auch die Ergebnisse seiner Beratertätigkeit. Diese Verquickung gefährdet die Objektivität der Prüfung. Beratung und Prüfung müssen strikt getrennt sein. Dagegen wird in Deutschland zurzeit immer wieder verstoßen.

Die Konzentration im Prüfungswesen muss gestoppt werden, da sie besonders für multinational agierende Unternehmen die Wahl der Anbieter stark einengt. Vor allem in Streitfällen ist es schwierig, eine neutrale Prüfungssituation zu finden.

Mehr interne Kontrolle

Bei bestandgefährdeten Bilanzdelikten sollten Prüfer außer interne Gremien auch Aufsichtsbehörden informieren. Die Eigenkontrolle des Wirtschaftsprüfers (Peer Review) muss außerhalb des Berufsstandes organisiert und überwacht werden. Bislang ist dies Aufgabe der Wirtschaftsprüferkammer - damit kontrolliert sich der Berufsstand letztlich selbst, frei nach dem Motto: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus".

Eine neutrale Kapitalmarktaufsicht sollte Bilanzierung und Prüfung der ihr unterliegenden Unternehmen überwachen und sanktionieren können. Nur so können die Interessen der Anteilseigner geschützt werden - denn auch das ist Aufgabe der Prüfer.

Für Wirtschaftsprüfer sollte die Dritthaftung diskutiert werden; Die USA können dabei als Modell dienen. Diese Forderung gilt auch für Vorstände und Aufsichtsräte.

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