Konzentration im Arzneimittelhandel schreitet voran
Pharmahändler haben Appetit

Große Teile des europäischen Marktes sind bereits verteilt. Doch der Appetit der führenden Pharmahändler ist damit noch nicht gestillt. Mit Kapitalerhöhungen haben sich die Branchenführer Gehe, Alliance Unichem und Phoenix für weitere Zukäufe gerüstet. Vor allem bei Apotheken bietet sich noch Spielraum für die Expansion.

HB FRANKFURT/M. Die Zeit der großen Übernahmen ist im europäischen Pharmagroßhandel zwar vorbei - doch die Konzentration in der Branche schreitet unaufhaltsam voran. Darauf deuten die jüngsten Aussagen der drei führenden Unternehmen der Branche. Sie setzen weiter auf Zukäufe und dazu ihre Kassen aufgefüllt. Nachdem die deutschen Arzneigroßhändler Gehe und Phoenix ihre Kapitalbasis bereits vor einigen Monaten verstärkten, hat vor wenigen Tagen auch der Branchendritte, Alliance Unichem (Großbritannien), rund 140 Mill. Euro neues Eigenkapital hereingeholt.

Die großen Drei haben zwei Ziele im Auge: Zum einen geht es darum, noch bestehende Lücken im Großhandelsnetz zu schließen. Zum anderen drängen sie über den Erwerb und Aufbau von Apothekenketten zunehmend in den Einzelhandel.

Übernahmen stoßen an kartellrechtliche Grenzen

Im Großhandel ist die Konzentration bereits ausgeprägt: Inzwischen beliefern die drei führenden Händler europaweit etwa 60 % aller Apotheken. Übernahmen stoßen daher längst an kartellrechtliche Grenzen. Bernd Scheifele, Chef der Mannheimer Phoenix-Gruppe, hielt jüngst fest, dass "das Feld weitgehend abgegrast" sei. Phoenix wolle sich nur noch auf Ergänzungszukäufe konzentrieren. Das Mannheimer Unternehmen ist nach einer ganzen Reihe von Zukäufen im europäischen Großhandel mittlerweile vielerorts stark vertreten. Aus Sicht von Branchenkennern liegt es für Phoenix daher nahe, künftig stärker im Apothekenbereich zu expandieren.

Bei der Stuttgarter Gehe AG ist von einer "ausgewogenen Expansionspolitik" die Rede, die sowohl auf den Groß- als auch auf den Einzelhandel ziele. "Alle Märkte, in denen wir noch nicht vertreten sind, haben wir auf dem Radarschirm", sagte Firmenchef Fritz Oesterle. Dazu dürften vorwiegend Länder wie Italien, Niederlande und Skandinavien gehören.

Die britische Alliance Unichem stockte jüngst ihren Anteil beim türkischen Großhändler Hedef auf. Stark interessiert ist der Konzern an einem Einstieg in den deutschen Pharmagroßhandel (siehe nebenstehenden Bericht). Unichem erwarb zudem allein im ersten Halbjahr 46 Apotheken und ist europaweit inzwischen mit fast 1000 eigenen Apotheken vertreten. "Wir werden uns nach weiteren Möglichkeiten zur Eypansion umschauen", sagte Vorstandschef Jeff Harris.

Der Konzern versucht mit den Zukäufen Einzelhandelsketten von Apotheken aufzubauen - zumindest in den Ländern, in denen diese Märkte nicht so stark reguliert sind wie in Deutschland. Die Unichem-Apothekenketten sollen über ausreichende Masse verfügen und mit dem konzerneigenen Großhandel vernetzt werden, damit sie profitabel genug sind.

Gehe erzielte im vergangenen Jahr mit 1800 Apotheken etwa 2 Mrd. Euro Umsatz oder 12 % seiner Gesamterlöse. In den vorigen Monaten hat der Konzern in Italien, Irland und Norwegen eine Reihe von Apotheken erworben. Stark vertreten ist Gehe seit langem bereits in Großbritannien. In einigen anderen Märkten habe man dagegen noch nicht die ausreichende Größe erreicht, sagte Oesterle. Ziel sei es, jährlich etwa 250 Apotheken zuzukaufen oder neu zu eröffnen.

Reaktion auf wachsenden Kostendruck

Mit dem Engagement im Einzelhandel reagierten die Handelskonzernene auch auf den wachsenden Kostendruck im Gesundheitswesen, analysiert die Investmentbank HSBC Trinkaus & Burckhardt. Denn die vielfach durchgesetzten Preissenkungen bei Arzneien drücken auf die Gewinnspannen der Händler - zudem fordern Apotheker höhere Rabatte.

Mit dem Einstieg ins Apothekergeschäft sichern sich die Großhändler nicht nur höhere Gewinnspannen, sondern auch größeren Spielraum zur Expansion: Von rund 130 000 Apotheken in Europa werden bisher nur knapp 7 % von Apothekenketten betrieben, schätzen die Analysten von Credit Agricole Indosuez Cheuvreux.

Wie stark dieser Anteil wachsen kann, hängt nicht zuletzt von der Politik ab. Apothekenketten sind bislang nur in sieben europäischen Staaten erlaubt, in allen anderen Ländern - darunter Frankreich und Deutschland - dagegen verboten. Experten rechnen jedoch mit Bewegung. Man gehe davon aus, dass die meisten europäischen Länder in den kommenden Jahren Apothekenketten zulassen werden, heißt es in einer Studie der Commerzbank. Sie verweist unter anderem auf Diskussionen in Schweden, das staatliche Apotheken-Monopol aufzuheben.

Dass auch in Deutschland das traditionelle Fremd- und Mehrbesitzverbot für Apotheken fallen könnte, gilt in der Branche indessen als sehr unwahrscheinlich. Entsprechende Gesetzesinitiativen seien zumindest derzeit nicht in Sicht.

Quelle: Handelsblatt

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