Konzentriert auf das Duell der Kanzlerkandidaten
Gerangel im Schatten der Platzhirsche

Wenn die Leithirsche röhren, sind die kleineren Tiere im Rudel meist nicht mehr zu hören. Das ist auch im Bundestagswahlkampf so. Seit Edmund Stoiber zum offiziellen Kanzlerkandidaten der Union erklärt wurde, schießt sich die Medienlandschaft zunehmend auf das Duell Stoiber-Schröder ein. Jeder Laut der beiden wird aufmerksam aufgenommen und vielfach verstärkt wiedergegeben. Jeder Halbsatz, der auch nur die Vermutung einer Positionsbestimmung oder gar-änderung zulässt, wird gedreht und gewendet und erhält eine oft nicht angebrachte Bedeutung.

Seit der Kandidatenkür rücken Grüne und FDP dagegen in der Wahrnehmung zunehmend in den Hintergrund. Die kleineren Parteien kennen dieses Phänomen zwar von früheren Wahlkämpfen. Aber zum einen verstärkt sich der Trend in einer Mediengesellschaft, in der persönliche Zweikämpfe leichter zu verkaufen sind als politische Programme. Zum anderen macht das Wissen den Zustand nicht unbedingt erträglicher. Ebenso verzweifelt wie erfolglos hat die FDP deshalb versucht, dem Schicksal diesmal dadurch zu entgehen, in dem die Liberalen selbst einen "Kanzlerkandidaten" aufstellten. Genutzt hat es nichts.

Dabei ist die eine Auseinandersetzung um Platz drei im Rudel nicht minder heftig als der Kampf der Platzhirsche. Die Grünen schlittern in diesem Bundestagswahlkampf sogar in eine Art Überlebenskampf hinein. Denn glaubt man den Meinungsumfragen, dann muss die Partei am 22. September nicht nur um die Regierungsbeteiligung, sondern vielleicht sogar um ihren Einzug in den Bundestag fürchten. Immer deutlicher stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Grünen künftig im politischen Spektrum überhaupt noch spielen können. Denn mit der PDS etabliert sich Schritt für Schritt auch im Westen eine weitere Partei, die ihnen die Rolle als linker Regierungspartner der SPD streitig macht.

Zudem leiden die Grünen an dem Schicksal jedes kleinen Koalitionspartners in einer Regierung: Bestimmte Ziele können gar nicht, andere unter dem Einfluss des großen Partners nur sehr verwässert erreicht werden. Dazu kommt bei den Grünen die Unsicherheit, ob ihre Wähler das für die Regierungsbeteiligung nötige Tempo beim Schleifen alter Positionen etwa in der Außenpolitik mittragen. Und trotz einiger markiger Töne beim politischen Aschemittwoch gilt, dass sich die Grünen nicht wirklich von der SPD absetzen können. Ein anderer Koalitionspartner bietet sich nicht. Und Schröder zeigt wenig Hemmungen, auch mit anderen Parteien zu kokettieren.

Deshalb genießen die Liberalen sichtbar, die einfachere Rolle im Kampf um Platz drei zu spielen. Als Oppositionspartei kann die FDP darauf vertrauen, dass die meisten Wähler vergessen haben, wer bis 1998 mitverantwortlich für das steigende Abgaben- und Steuerniveau war, das nun korrigiert werden soll. Zudem hat Guido Westerwelle seine Partei in eine strategisch gute Auslangslage manövriert: Ihm kann egal sein, welcher der beiden Platzhirsche gewinnt. Die FDP bietet sich sowohl der SPD als auch der Union an. Schon rein statistisch erhöht dies die Chance auf eine Regierungsbeteiligung.

Und trotz der derzeit mangelhaften Wahrnehmung rechnet die FDP damit, vom Röhren der Platzhirsche sogar noch zu profitieren. Denn wenn Schröder und Stoiber in den kommenden Wochen versuchen werden, sich immer lauter als Industriepolitiker zu profilieren, dürfte zumindest bei einigen Wählern der Wunsch nach einem Korrektiv wach werden. Die Grünen haben gerade diese Rolle in den vergangenen dreieinhalb Jahren kaum spielen können. Die FDP kann zumindest versprechen, es besser zu machen.

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