Konzernchef Bezos sieht Renaissance der Online-Händler: Amazon drängt es nach Deutschland

Konzernchef Bezos sieht Renaissance der Online-Händler
Amazon drängt es nach Deutschland

Der deutsche Markt wird für den US-Online-Versender immer wichtiger. Amazon hat den Umsatz hier zuletzt fast verdoppelt. Nun will Konzernchef Bezos das Geschäft hierzulande aggressiv ausbauen.

HB NEW YORK. Der Online-Händler Amazon will insbesondere in Deutschland in die Offensive gehen. "Im internationalen Geschäft liegt unser größtes Wachstumspotenzial", sagte Jeff Bezos im Gespräch mit dem Handelsblatt. In Deutschland sieht der Vorstandschef des Internet-Warenhauses aus Seattle/Washington besonders gute Chancen. Im vergangenen Jahr steigerte Amazon den Umsatz hierzulande um 95 %. Zusätzlichen Umsatz will er in Deutschland als Anbieter von E-Commerce-Plattformen erzielen - traditionelle Einzelhändler sollen dabei die Technologie und Erfahrung von Amazon nutzen.

In den USA wickelt Amazon schon jetzt den Online-Verkauf von Unternehmen wie dem Discount-Einzelhändler Target und der Elektronikwaren-Kette Circuit City ab. Bezos sagt, er verhandle derzeit in den USA mit weiteren Kandidaten. Im vergangenen Quartal machte dieser Bereich zwar mit 98 Mill. $ zwar nur 9 % des Gesamtumsatzes aus. Aber für Amazon ist dieses Geschäft hoch profitabel, da man Kommissionen und einen Anteil am Umsatz bekommt, ohne sich um kostenträchtige Bereiche wie Lagerhaltung kümmern zu müssen.

In Großbritannien hat Amazon den Service bereits unter anderem für den Weinhändler Virgin Wine und den Buchhändler Waterstone übernommen. Ähnliches wolle man auch in Deutschland anbieten. Laut Bezos macht der deutsche Markt einen Großteil des außeramerikanischen Jahresumsatzes von gut 500 Mill. $ aus.

Wichtige internationalen Aktivitäten

Deutschland, Japan, Großbritannien und Frankreich - die Länder, in denen Amazon international aktiv ist - haben den Umsatz im vergangenen Jahr insgesamt um 82 % gesteigert. "Für die Zukunft von Amazon sind die internationalen Aktivitäten äußerst wichtig", bekräftigt David Schehr, Analyst bei den Marktforschern Gartner Group. Schließlich nähere sich der Online-Einzelhandel in den USA bereits der Marktsättigung: "Wer online einkaufen will, hat es bereits getan", sagt Schehr. Große Zuwachsraten seien nicht zu erwarten.

Das sieht Bezos ganz anders. Auch wenn der US-Markt seiner Meinung nach langsamer wachsen wird - im vergangenen Jahr nahm er nur um 3 % zu -, glaubt Bezos nicht, dass eine Sättigung erreicht ist. Wenn heute erst ein Prozent der Einkäufe online getätigt werden, prophezeit er, dass die Zahl in zehn Jahren auf 15 % steigen wird.

Deshalb sollen im Ausland auch neue Geschäftsbereiche aufgebaut werden: So will Bezos das Angebot von Küchengeräten über die Amazon-Web-Seite auf Deutschland ausweiten. Der Verkauf von Elektronik laufe bereits sehr gut. Große Unterschiede in der Marketingstrategie seien nicht notwendig. Den einzigen Unterschied sieht Bezos in der Bezahlung: Deutsche zahlten nicht gern mit Kreditkarte: "Sie bevorzugen den Bankeinzug."

Geschäft mit Gebrauchtwaren ausbauen

Amazon will auch das Geschäft mit Gebrauchtwaren weiter ausbauen. Sein Unternehmen hat nach Angaben von Bezos 100 000 Anbieter, die ihre Waren auf der Web-Seite von Amazon verkaufen wollen. Die Margen seien in diesem Geschäft sehr hoch, da schon die Kommission 15 % des Preises betrage. Mit dem Eintritt in den Handel mit Gebrauchtwaren macht das Unternehmen dem erfolgreichen Online-Händler E-Bay Konkurrenz. Bezos will jedoch nichts davon hören, dass er das E-Bay-Modell kopiert: "Wir sind anders, weil wir einen einzigen Laden für alles haben.". Allerdings bietet auch das Online-Auktionshaus Ebay Neuwaren zu Schnäppchenpreisen gleich neben den Gebrauchtwaren.

Den letzten Ausschlag dafür, dass Amazon im vierten Quartal 2001 einen Netto-Gewinn von 5,1 Mill. $ ausweisen konnte, gab indes der schwache Euro. Da das Unternehmen Schulden in Euro hat, brachte das ein Plus von 16 Mill. $. Sollte der Euro wieder stärker werden, werde dies auch das Ergebnis belasten, räumt Bezos ein. Dann sei auch ein Verlust nicht auszuschließen.

Konzentration auf Cash-Flow

Seine Priorität ist eine andere Kennzahl: "Wir konzentrieren uns auf den Cash-Flow und sagen für 2002 voraus, dass der Cash-Flow aus dem operativen Geschäft positiv sein wird." Den Umsatz will Amazon um 10 % steigern. Analyst Schehr zweifelt, ob dies die finanzielle Sicherheit des Unternehmens auf lange Sicht garantiert. "Die Herausforderung liegt darin, Wachstum und Gewinn schnell genug zu steigern, damit genug Geld da ist, wenn Amazon seine langfristigen Schulden zurückzahlen muss", erläutert er. Amazon hat mehr als 2 Mrd. $ Verbindlichkeiten.

Bezos ist dennoch stolz, dass er im vierten Quartal trotz der schwachen Wirtschaft Gewinn machte. Derzeit könne man sogar von einer Renaissance der Online-Händler reden. Selbst kleinere Firmen hätten Chancen, wenn sie mit neuen Ideen kämen. Aber: "Wir müssen aufpassen, dass die Erwartungen nicht wieder in den Himmel wachsen."

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