Konzernchef Moberg schreckt nicht vor unangenehmen Wahrheiten zurück
Ahold sucht neues Vertrauen

Der Umsatz des angeschlagenen niederländischen Einzelhandelskonzerns Ahold N.V. brach im ersten Quartal ein, und trotzdem jubelt die Börse - paradox, möchte man meinen. Doch bei näherem Hinsehen zeigen sich gute Gründe für das positive Echo in der vergangenen Woche.

BRÜSSEL. Der Quartalsumsatz sackte in den ersten drei Monaten zwar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11 Prozent nach unten, das aber ist allein die Schuld des sinkenden Dollars. Bei einem Konzern, der drei Viertel seines Umsatzes in den USA erzielt, schlägt der Dollar umso heftiger ins Kontor. Ohne Wechselkurseffekte setzte Ahold letztlich 4,6 Prozent mehr um.

Das erleichtert die Anleger enorm, denn es zeigt, dass der Bilanzskandal, der zu Beginn dieses Jahres publik wurde, nicht das Vertrauen der Konsumenten zerstört hat. Und es kommt noch schöner: Ahold schnitt in den USA besser ab als die lokalen Wettbewerber. Die belgische Delhaize und die US-Anbieter Safeway und Albertson's büßten zwei Prozent an Umsatz ein, Ahold-Supermärkte setzten 2,4 Prozent mehr um. Wenn das nichts ist. Manche Analysten halten die Zahlen für den Beginn der großen Erholung bei Ahold und empfehlen die Aktie bereits wieder. Andere bleiben skeptisch.

Der neue Vorstand in Zaandam dürfte aufgeatmet haben. Er muss jetzt nur noch die Anleger wieder für die Aktie seines Unternehmens gewinnen. Der Anfang Mai angetretene ehemalige Ikea-Chef Anders Moberg zögerte denn auch keine Sekunde mit dem Großreinemachen. Er korrigierte anlässlich der Bekanntgabe des Quartalsumsatzes Ende letzter Woche auch die Umsatzzahlen für die vergangenen zwei Jahre, und zwar rigoros. Die Joint Ventures in Schweden (ICA), Portugal (Jéronimo Martins) und Argentinien (Disco), die Ahold bisher zu Unrecht voll konsolidierte, zählen überhaupt nicht mehr mit. Sie gelten jetzt als Beteiligungen, von denen nur der Gewinnbeitrag proportional mitgerechnet wird. Dadurch sackte der Umsatz beider Jahre um zusammen 22 Mrd. Euro nach unten.

Auf den Schreck folgt die Überraschung. Denn als die Zaandamer die unsaubere Bilanzierung eingestanden, hatten sie die in Europa übliche Teilkonsolidierung zu 50 Prozent angekündigt. Moberg hingegen orientiert sich lieber an den Gepflogenheiten in den USA. Offensichtlich will er keinen Raum mehr für Interpretationen lassen. Bei der Häufung von Bilanztricks auf Ebene von Konzern und Töchtern scheint ihm Glaubwürdigkeit wohl nur mit solchen Einschnitten wieder gewinnbar zu sein.

Die Anleger hatten die Aktie im Februar wegen der Bilanzprobleme fallen gelassen. Sie sackte auf das Tief von 2,39 Euro. Die weltweit drittgrößte Einzelhandelsgruppe nach Wal-Mart und Carrefour war nur noch ein Bruchteil der einstigen Milliardenkapitalisierung wert. Inzwischen hat sich das Papier deutlich erholt und überschritt zuletzt sogar die 6-Euro-Marke. Die Ernennung von Ex-Philips-Sanierer Dudley Eustace zum Finanzvorstand und die von Moberg weckten Hoffnung. Die Anleger belohnten wohl auch, dass Ahold sich dem Druck des Marktes beugte und neben vier Topmanagern vergangene Woche auch den Chef von US-Foodservice feuerte. Die Tochter hatte ihren Gewinn noch stärker geschönt als zuvor vermutet. Ahold entschuldigte sich.

Die internen Prüfungen sowie Ermittlungen von Staatsanwälten mehrerer Länder werden noch manch Unschönes ans Tageslicht bringen, ist zu erwarten. Es scheint aber, dass Moberg fähig ist, den Konzern in sauberes, ruhiges Fahrwasser zu steuern. Selbst wenn nicht alles auf Anhieb reibungslos verläuft, wie die Korrektur des korrigierten Umsatzes von 2001 am Dienstagabend noch einmal zeigte: Ahold hatte ihn um 400 Mill. Euro zu niedrig angesetzt und entschuldigte sich zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage.

Aber Moberg wird sicher nicht den Fehler seines im Februar abgetretenen Vorgängers Cees van der Hoeven begehen, sich dogmatisch einem jährlichen Gewinnwachstum von 15 Prozent zu verpflichten. Anleger sollten das auch nicht erwarten. Denn derartige Ambitionen stimulieren Schönfärberei und Fälschung. Jetzt aber ist nachhaltiges, weitsichtiges Wirtschaften gefordert und dazugehörige Erfolgsnachweise, die Ahold in der Vergangenheit vielfach verweigerte.

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