Konzernchef Nasser hatte am Ende kaum noch Verbündete
Ford reißt in der Krise das Steuer herum

Nach dem Ausscheiden von Ford-Chef Jacques Nasser steht der zweitgrößte Autohersteller der Welt vor einem Richtungswechsel. Die neue Führungsmannschaft um William Clay Ford Jr. will sich künftig wieder voll auf den Bau von Autos konzentrieren und sich gegen den Verlust weiterer Marktanteile stemmen.

NEW YORK. Der US-Autohersteller Ford Motor Co wird sich nach dem Führungswechsel auf sein Kerngeschäft zurückbesinnen. "Wir müssen uns darauf konzentrieren, die besten Autos zu produzieren", sagte William Clay Ford Jr., der neue Chef des Unternehmens, auf einer Mitarbeiterversammlung. Ford verabschiedet sich damit von der Strategie des abgelösten Jacques Nasser, der mit einer breiten Angebotspalette rund um das Auto stärker auf die vermeintlichen Wünsche der Kunden eingehen wollte. Dabei übersah Nasser offenbar, dass die Verbraucher zuallererst gute Autos kaufen wollen. Und hier sieht seine Bilanz nach drei Jahren an der Ford-Spitze nicht gerade rosig aus.

Zentrale Figur im neuen Führungsteam von William Clay Ford Jr. ist Nick Scheele. Der ehemalige Europa- Chef und bisherige Leiter des Nordamerika-Geschäfts soll als Chief Operating Officer die Tagesarbeit machen. Erst kürzlich hatte auch Scheele einen Kurswechsel verlangt. "Wir gehen zurück zu unseren Wurzeln", sagte Scheele, "das Unternehmen mit den besten Autos gewinnt." Eine Meinung, die von vielen Analysten an der Wall Street geteilt wird. Und eine deutliche Abkehr von Nasser, der viel Zeit und Geld in das E-Commerce-Geschäft und den Aufbau autonaher Dienstleistungen investiert hat.

Anfangs hatte Nasser damit auch Erfolg: Ford stieg zu einem der weltweit effizientesten und profitabelsten Autokonzerne auf. Doch seit einem Jahr steckt der nach General Motors zweitgrößte Autohersteller in einer tiefen Krise. Auf dem vorläufigen Höhepunkt Mitte Oktober wies Ford einen Quartalsverlust von 692 Mill. $ aus. Nasser kürzte zum Entsetzen der Ford-Familie die Dividende um die Hälfte. Danach war das Vertrauen zwischen Eigentümerfamilie und Firmenchef offensichtlich zerstört. Mit etwa 40 % der stimmberechtigten Anteile hatte die Ford-Familie alle Hebel in der Hand, um den gefallen Starmanager Nasser zum Rücktritt zu zwingen.

Ausgelöst wurde die Talfahrt von dem Reifenskandal um den Geländewagen Ford Explorer. Nasser ließ nach zahlreichen tödlichen Unfällen für rund 2,6 Mrd. $ mehr als 19 Millionen Reifen der Marke Firestone zurückrufen. Seither machen sich Ford und Firestone gegenseitig für die tödlichen Pannen verantwortlich - zum Schaden beider Unternehmen.

Der Reifenskandal ist nur eines von vielen Problemen bei Ford. Qualitätsmängel führten zu zahlreichen Rückrufaktionen und verspäteten Modelleinführungen - und das mitten in einer tiefen Absatzkrise auf dem Heimatmarkt. Ford hat in den ersten neun Monaten 11 % weniger Pkw und leichte Transporter verkauft als im Jahr davor. Der Marktanteil in den USA ging von 22,1 auf 21,8 % zurück. Erzrivale GM baute seinen Anteil dagegen auf 29,6 % aus. Mit kostenlosen Finanzierungsangeboten liefern sich die beiden Autohersteller ein verlustreiches Wettrennen um die Kunden. An der Börse ist der Kurs der Ford-Aktie in diesem Jahr um 31 % gefallen. Die Ratingagentur Standard & Poor?s hat die Bonität von Ford zurückgestuft.

Hinzu kommen interne Probleme. Der ungeduldige Nasser überforderte mit seinem Veränderungsdrang viele Ford-Beschäftigte. Ein umstrittenes Leistungssystem verärgerte die älteren Angestellten und führte zu Arbeitsprozessen. Interner Wettbewerb brachte die Händler gegen Nasser auf. Am Ende hatte der gebürtige Libanese kaum noch Verbündete im Konzern.

Seit Juli, nach einem Verlust von 752 Mill. $ im zweiten Quartal, musste Nasser sich bereits das Führungsbüro mit William Clay Ford Jr. teilen. Das Arbeitsverhältnis der beiden Manager galt seit langem als angespannt. Zu unterschiedlich sind die Charaktere: hier der Macher Nasser, dort der nachdenkliche Umweltschützer Ford Jr. Dessen dringendste Aufgabe wird es jetzt sein, das krisengeschüttelte Unternehmen zu stabilisieren. Erste Ergebnisse sind im Dezember zu erwarten, wenn Scheele weitere Einzelheiten eines Sparprogramms bekannt geben will. Ford hat bereits den Abbau von 5 000 Arbeitsplätzen zum Jahresende angekündigt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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