Konzernchef ruft den 57-Jährigen in die Zentrale
Nick Scheele: Der „Sir“ soll Ford aus der Patsche helfen

Ford, der zweitgrößte Autokonzern der Welt, ist ins Schlingern geraten. Der Troubleshooter heißt Nick Scheele, ein ebenso erfolgreicher wie ungewöhnlicher Sanierer.

Er könnte ein Parade-Opa sein. Denn lieb und gutmütig wirkt Nick Scheele nicht nur auf den ersten Blick. Sollte der 57-Jährige jedoch je daran gedacht haben, sich in näherer Zukunft verstärkt seinen Enkeln zu widmen, so kann er sich das jetzt abschminken.

Der Mann, der in Köln als Chef der Ford-Europa-Zentrale eigentlich noch länger gebraucht würde, muss schon wieder die Koffer packen. Ab sofort ist Scheele in der Zentrale in den USA für das gesamte Nordamerika-Geschäft des Konzerns verantwortlich. Damit ist genau das passiert, was viele bei Ford in Köln befürchtet haben. Scheele ist der Mann, der seinem Boss, Jaques Nasser, aus der Patsche helfen soll.

Der Ford-Konzern ist ins Schlingern geraten: Nach dem spektakulären Rückruf von 13 Millionen Reifen und der anhaltenden Auseinandersetzung mit dem Pneu-Lieferanten Firestone gilt Ford inzwischen in den USA nicht mehr als das, was er lange Zeit war: der bestgeführte Automobilkonzern.

"Jac the Knife" braucht dringend Hilfe

Vielleicht hat das Problem ja auch nur einen Namen: Nasser, im Ford-Code "Jac the Knife" (das Messer) geheißen. Der Ford-Chef, 1999 mit viel Vorschusslorbeer auf dem Chefsessel inthronisiert, hat in den wenigen Monaten seiner Führungsarbeit so viel Wirbel veranstaltet und Kollegen vergrault, dass er nun Hilfe braucht. Gleich ein Dutzend neuer Leute hat Nasser gestern in die Konzernführung berufen, an ihrer Spitze Scheele.

Nicht nur ein neuer Ton dürfte mit dieser Personalie in Dearborn Einzug halten. Es steht dem Hause Ford auch ein Stilwechsel bevor. "Sir Nick", jüngst für sein soziales Engagement von Queen Elisabeth II. zum Ritter geschlagen, ist alles andere als ein lautstarker Autoverkäufer. Seine Stärke ist vielmehr das "Management by Smile" .

Das ist seine Version des Troubleshootings. Andererseits hat der Mann, der Goethe und Klopstock fast genauso gut kennt wie die Einkaufspreise für Klimaanlagen, bewiesen, dass er anpackt an, wenn es nötig ist. Auch deshalb hat der Manager mit dem Hang zum Schöngeistigen bei Ford Karriere wie aus dem Bilderbuch gemacht.

Scheele verpasste der Edelmarke Jaguar neuen Glanz

Als Sohn eines deutschen Vaters und einer britischen Mutter 1944 in Essex geboren, studierte Scheele unter anderem Germanistik. Im Alter von 27 jedoch ließ er Schiller einen guten Mann sein und wandte sich Henry Ford zu - kompromisslos. Schnell ging es in Großbritannien voran, vor allem als Einkäufer machte er sich einen Namen. Dann kam 1978 der Ruf in die USA, wieder ging es aufwärts. Nach zehn Jahren in der Zentrale wechselte er 1988 auf den Chefsessel der mexikanischen Tochter, ehe Scheele 1992 als Krisenmanager an die Spitze der Ford-Edelmarke Jaguar rückte.

Sieben Jahre später war die britische Auto-Ikone nicht mehr wiederzuerkennen. Ohne die Kultur des Hauses zu zerschlagen, machte Scheele aus dem mit Qualitätsproblemen kämpfenden Hersteller wenige Jahre später einen hochprofitablen Autobauer, der sich mit einer Modelloffensive ohnegleichen anschickte, die übermächtige Konkurrenz mit dem Stern herauszufordern.

In Köln wird Scheele jetzt schon vermisst

Vor drei Jahren erging das Kommando für den Wechsel in die Europa-Zentrale von Ford, wieder scharte Scheele einen Kreis ihm gleich gesinnter Manager um sich, wieder lebte er sein unternehmerisches Credo vor - den ganzheitlichen Ansatz: Qualität, Kostenkontrolle und vor allem Marketing. "Wir brauchen keine Erbsenzähler, sondern Marketing-Experten." Seit Anfang des Jahres steigen die Zulassungszahlen wieder. Einer seiner letzten Coups in Köln war der neue Slogan: "Ford. Besser ankommen".

In USA dürfte sich Scheele häufiger des alten Spruchs erinnern: "Ford. Die tun was." Nicht nur der Reifenkrieg mit Firestone hat beim Konzern Blessuren hinterlassen, Industriestudien zeigen zudem, dass die Produktivität in den US-Fabriken von Ford deutlich zurückgegangen ist. In einer solchen Situation ist Scheele der richtige Mann an der richtigen Stelle. Denn obwohl der Engländer als Sanierer seine größten Erfolge gefeiert hat, war er nie ein skrupelloser Kostendrücker. "Sir Nick" hat vielmehr bewiesen, dass unternehmerischer Erfolge auch mit leisen Tönen erreichbar sind. In Köln wird er jetzt schon vermisst: "Wir werden ihn weiter Nick nennen", sagt wehmütig eine Mitarbeiterin.

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