Konzerne wie Vivendi suchen Wege aus der Schuldenfalle
Medienriesen liegen am Boden

Eine einst boomende Branche sucht nach neuer Orientierung. Denn die Zeit der Medienkonglomerate neigt sich dem Ende zu. Bei Ablauf dieses Jahre werden sich viele Unternehmen nachhaltig verändert haben müssen. Der Trend geht zu kassenschonenden Partnerschaftsmodellen.

Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen. Der Verwaltungsrat des Medienriesen Vivendi Universal S.A. stellte Ende Mai deshalb seinem umstrittenen Vorstandschef Jean-Marie Messier ein Lenkungskomittee zur Seite. Es soll den Schuldenabbau endlich realisieren und Messiers Expansions- und Akquisitionsdrang stoppen. Dieser hat Vivendi 30 Mrd. Euro Schulden gebracht.

Das Vorgehen des Verwaltungsrats hat Signalwirkung für die Branche. Die Konzerne suchen einen Weg aus der Schuldenfalle. 2002 und 2003 werden für sie so gravierende Veränderungen bringen wie das Merger-Jahr 2000 - das Geburtsjahr des Gigantismus, der nun zu Grabe getragen wird. Die Gebote der Stunde: Konsolidierung, Effizienzsteigerung, Kostensenkung.

Die Schuldenproblematik großer Marktführer öffnet gleichzeitig neue Spielräume, um Märkte neu zu verteilen. Bestes Beispiel ist der deutsche TV-Markt. Er steht nach der Kirch-Pleite vor einer Neuordnung. Marktführer wie die Bertelsmann AG mit ihrer RTL-Group, rüsten zur Abwehr. Die Strategie ist symptomatisch für die Stimmung: Keine Experimente, sondern Rückkehr zu alten Stärken. Investiert wird ins klassische TV-Geschäft.

Seit vor zwei Jahren die Fusion des Medienriesen Time Warner mit dem Internetgiganten AOL Inc. die Medienwelt auf den Kopf stellte, haben sich die Vorzeichen geändert. Die Synergieeffekte haben sich weder bei Vivendi Universals Gemischtladen aus Medien, Telekommunikation und Internet noch bei AOL Time Warner eingestellt. Im Gegenteil: Probleme bei der Integration verschiedener Kulturen lähmen die Unternehmen zu ungünstiger Zeit.

Die Träume einer intertaktiven Zukunft sind kaum finanzierbar

Die Werbemärkte, wichtige Einnahmequelle aller Medienkonzerne, erlebte einen Einbruch. Besserung ist kaum in Sicht. Die deutsche Werbewirtschaft rechnet nach einem Umsatzminus von 1,7 Mrd. Euro im Vorjahr bestenfalls mit einer Stagnation des Marktes. HSBC Trinkaus & Burkhardt geht von einem Minus der Nettowerbeumsätze von 1 % auf 21,7 Mrd. Euro aus.

Die Träume von einer interaktiven Zukunft der Medienwelt sind zunehmend schwer zu finanzieren. Breitband-Services wie interaktives TV oder Online-Musik- und Filmverkauf scheiterten an mangelnder Kundenakzeptanz oder an technischen Problemen. Quer durch Europa gerieten Pay-TV-Sender in die Krise, die im Kollaps der Kirch-Gruppe kulminierte. Das Ende des Booms im Telekom - und Kabelsektor setzt die Medienmanager zusätzlich unter Druck. Sie hofften zu schnell auf zusätzliche Einnahmen und unterschätzten die Investitionskosten.

Zur Disposition steht deshalb das Konzept der völligen Kontrolle der Wertschöpfungskette und aller Vertriebsplattformen durch die Konzerne, wie es Messier vorschwebte. Ein Verkauf von Vivendis Telekomaktivitäten ist nicht unwahrscheinlich. Der Trend zum Megakonzern wird in der Krise abgelöst durch intelligente und kassenschonende Partnerschaftsmodelle von Medienkonzerne untereinander und mit Vertriebspartnern - vor allem im Digitalbereich, wie dem Web-Anbieter T-Online.

Dabei könnten die "Spätzünder" vergangener Jahre, die sich nicht am Rennen um Akquisitionen beteiligt hatten, die Oberhand gewinnen. Entscheidend ist, wie schnell sich die paralysierten Megakonzerne der Industrie konsolidieren - oder den Erfolg ihres Modells doch noch zeigen können.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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