Kooperation mit SEB direct im Internetbanking enttäuschend
Wallstreet Online verschiebt Börsengang

Der vor fünf Monaten vollzogene Einstieg ins Online-Banking verläuft ausgesprochen schlecht. Vorstandschef André Kolbinger will sich daher als Lieferant von Finanzinformationen für die Old Economy etablieren. Das Finanzinformationsportal Wallstreet Online reagiert auf die Krise am Neuen Markt. Die Flaute an den Börsen und damit auch der Niedergang des Online-Bankings hat Wallstreet Online schwer getroffen.

HB DÜSSELDORF. "Wir liegen unter den Erwartungen", erklärte Firmengründer und Vorstandschef André Kolbinger dem Handelsblatt. "Wir kommen nicht so vorwärts, wie wir es uns in den Hoch-Zeiten der Börse vorgestellt hatten."

Vor allem die Kooperation mit dem Frankfurter Online-Broker SEB direct habe sich für das auf spekulative Anleger fokussierte Finanzportal ausgesprochen enttäuschend entwickelt. Die Internet-Bank wickelt mit dem Düsseldorfer Online-Portal seit vergangenem Dezember Börsengeschäfte ab. Das Ziel, sich als Spezialanbieter im Online-Banking zu etablieren, wurde jedoch verfehlt.

Seitenaufrufe gingen um 20 % zurück

Genaue Zahlen, wie viele Kunden Wallstreet Online zusammen mit der Internettochter des schwedischen Finanzkonzerns SEB gewonnen hat, wollte Kolbinger nicht nennen. Aber das von Brancheninsidern im November genannte Ziel von 50 000 Kunden wurde bei weitem nicht erreicht. Kolbinger verriet: "Es wird so gut wie kein Online-Konto mehr eröffnet." Der ganzen Branche gehe es extrem schlecht. Auch für die Zukunft ist der 26-jährige Unternehmenschef pessimistisch: "Die nächsten 12 Monate werden davon geprägt sein, dass es mit den Online-Banken nicht wieder aufwärts geht."

Wallstreet Online hat auch noch mit einem anderen Problem zu kämpfen. Die Seitenaufrufe sanken in den letzten Monaten um ein Fünftel auf derzeit 31 Millionen. Branchenführer Onvista liegt dagegen bei 60 Millionen Seitenaufrufen. Noch im letzten Geschäftsjahr erzielte die 1998 gegründete Wallstreet Online AG rund 80 % ihrer Einnahmen aus Online-Werbung. Ein Anteil, der sich nicht mehr halten lässt.

Verzicht auf den geplanten Börsengang

Kolbinger kündigte gegenüber dem Handelsblatt an, auf den im Frühjahr 2001 geplanten Börsengang verzichten zu wollen. Noch verfüge das Unternehmen mit 86 Angestellten über ausreichende Finanzreserven. An Wallstreet Online sind zu 30 % Netipo, die Venture-Capital-Gesellschaften 3i Group (12 %) und die Deutsche-Telekom-Tochter T-Venture (10  %) beteiligt. Den Rest der Anteile halten die Familie Kolbinger und Mitarbeiter. Offenbar haben die Kapitalgeber genügend Vertrauen, dass sich die junge Firma auch in Krisenzeiten bewähren wird. Bei der letzten Kapitalerhöhung hat die Firma 25 Mill. DM eingenommen. Dennoch wurden Pläne, in andere Länder zu expandieren, längst ad acta gelegt.

Das Finanzportal für den risikofreudigen Anleger steht unter Druck. Derzeit werden neue Geschäftsfelder erschlossen. Kolbinger sagte, dass die Aktiengesellschaft bereits Ende diesen Jahres schwarze Zahlen schreiben wolle. Künftig soll bei Wallstreet Online das Business-to-Business-Geschäft (B2B) mit der Old Economy für Wachstum und Gewinne sorgen.

Portal will sich zum Inhaltelieferanten wandeln

Das Finanzportal will sich zum Inhalte-Lieferanten und Dienstleister wandeln. Kolbinger kündigte an, künftig den Unternehmen analytische Werkzeuge, Newsletter und Börsenspiele anzubieten, die auf verschiedenen Plattformen wie Intranet oder Mobiltelefonen per SMS und WAP verbreitet werden. "Langfristig wollen wir uns nicht nur im Internet bewegen." Kolbinger setzt auf die Entwicklung komplexer Datenbanken. Derzeit kommen die Kunden aus der schwer angeschlagenen New Economy, wie Comdirect, Direkt Anlage Bank, Lycos Europe und Yahoo. Bisher bot das Unternehmen aus Erkrath bei Düsseldorf seine Inhalte fast ausschließlich auf der eigenen Homepage an.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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